Avatar 2 Kritik: James Camerons Jahrhundert-Film?

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Avatar 2 ist in den deutschen Kinos gestartet. Und alle Welt ist hellauf begeistert von James Camerons neustem Meisterwerk, oder? Immerhin haben Fans und Kritiker 13 Jahre auf die Fortsetzung des erfolgreichsten Films aller Zeiten* gewartet. Warum der Film meiner Meinung nach einen Kinobesuch unbedingt wert ist und trotzdem vieles falsch macht, erfahrt ihr in meiner spoilerfreien Filmkritik!

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Um was geht`s?

Nachdem wir im ersten Teil von Avatar Jake Sully (Sam Worthington) auf dem Weg gefolgt sind, sich als Einwohner des Planeten Pandora auszugeben und dadurch die Bevölkerung von den „guten“ Absichten der Menschen (verkörpert durch die US-Armee) zu überzeugen, erwartet uns in Avatar: The Way of Water jetzt ein etwas größeres Raster an Charakteren:

Denn Jake Sully hat mit seiner Frau Neytiri (Zoe Saldana) mehrere Kinder bekommen und lebt jetzt als vollständig angepasster Navi auf Pandora. Als die Militär-Organisation aus dem Vorgänger* allerdings erneut auf dem friedlichen Planeten aufkreuzt und seiner neuen Familie und ihm das Leben zur Hölle machen will, entschließt sich Jake, seine Heimat zu verlassen und zu den Stämmen der Meeres-Navi zu reisen, um dort Schutz zu suchen.

Der Titel des Films ist dabei ganz wortwörtlich zu nehmen: In Avatar 2 spielt das Element Wasser eine wichtige Rolle und wir lernen neben neuen Freunde auch eine alte Gefahr kennen, die wieder erwacht ist.


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Filmkritik zu Avatar 2: The Way of Water

Zugegebenermaßen, die Überschrift für diese Kritik ist etwas aufbauschend formuliert. Natürlich ist James Camerons Avatar 2 kein Jahrhundertfilm! Aber welcher Film würde schon die Bezeichnung „Jahrhundertfilm“ verdienen? Wohl keiner, weil sich Filme mit der Zeit entwickeln und sich an die Zeit, in der sie veröffentlicht werden, anpassen.

Und aus diesem Grund könnte man „Citizen Kane“*, „2001: Odyssey im Weltraum“* oder „Metropolis“* genauso wenig als Jahrhundertfilme bezeichnen wie „Titanic“*, „Terminator 2“* oder eben Avatar: The Way of Water. Weil sie Zeugen ihrer Zeit sind und nicht Zeugen eines Jahrhunderts. Und die Überschrift dieser Kritik ist glücklicherweise als Frage gestellt.

Trotzdem wird Avatar 2 ein prägender Film werden, ebenso wie es der erste Teil schon war. Vielleicht nicht für ein ganzes Jahrhundert, aber definitiv über die nächsten Jahre. Durch seine atemberaubenden Effekte und die schiere Bildgewalt. Mit Avatar 3 bis 5 sind ja auch schon mehrere Fortsetzungen in Planung.

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Die Kinokarte ist Pflicht!

Wer vor hat, sich Avatar: The Way of Water “irgendwann mal im Streaming“ anzuschauen, der macht einen gewaltigen Fehler! Denn wen schon nicht für die Geschichte oder ihre Charaktere, dann geht man in den neusten Film von James Cameron doch wegen seiner wegweisenden Bildgewalt und den beeindruckenden Computereffekten.

Avatar 2 ist nicht irgendein Science-Fiction-Abenteuer-Film, sondern eine Reise in eine andere Welt. Und diese Welt inszeniert Cameron in einer bisher ungekannten Brillianz. Nicht nur die Kamera fängt beeindruckende Bilder ein, auch die Technik vermag das unmögliche zu leisten.

Für den Film wurde das Motion-Capture-Verfahren, welches eingesetzt wird, um echte Menschen in die Bewohner von Pandora zu verwandeln, revolutioniert. Die Effektefirma Weta Digital brauchte zwei Jahre, nur um eine Methode zu entwickeln, mit der man das Motion-Capture der Figuren auch unter Wasser ermöglichen kann. So war die Special-Effects-Schmiede zuletzt etwa für The Batman und sogar Game of Thrones verantwortlich.

Dadurch ist Avatar 2 nicht nur irgendein x-beliebiger Film, sondern ein Streifen, der die Kinolandschaft voranbringt und für die nächsten Jahre prägen wird. James Cameron hat 2009 das 3D-Kino popularisiert. Egal was man davon hält, es hat geholfen, Filme auch weiterhin als Medium für eine breite Masse relevant zu halten.

Mit Avatar 2 legt er jetzt einen Meilenstein der Spezialeffekte-Technologie UND gleichzeitig der Arbeit mit realen Kameras hin. Denn irgendwoher muss Cameron die beeindruckenden Aufnahmen ja haben. Manchmal wirkt es fast so, als wäre der Film tatsächlich auf einem fremden Planeten gedreht worden, und das sagt schon viel über seine inszenatorische Wucht und bildgewaltige Kamera- und CGI-Arbeit aus.

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Charaktere bekommen endlich die verdiente Tiefe

avatar 2 kiri charakter
In Avatar: The Way of Water spielen die Kinder von Jake und Neytiri eine tragende Rolle.

Nun sind eindrucksstarke Bilder, eine faszinierende Kameraarbeit und hervorragendes CGI natürlich eine feine Sache. Aber das Medium Film baut sein Fundament nicht auf bloßen Oberflächlichkeiten auf, sondern muss grundlegend vor allem mit einer mitreißenden Geschichte und nachvollziehbaren, echten Charakteren punkten.  

Und zumindest mit letzterem kann Avatar 2 aufwarten! Was mich an Teil eins* immer am meisten gestört hat, war, dass wir es im Prinzip nur mit Abziehbildern von vermeintlichen Charakteren zu tun bekamen. Wir hatten den prinzipientreuen Soldaten, die taffe Kriegerin, die ihn verführt und natürlich den übertrieben bösen Widersacher.

All diese Charaktere funktionieren vielleicht in einem Disney-Film für Kinder, nicht aber in einem ernstzunehmenden Hollywood-Blockbuster. Mit Avatar: The Way of Water räumt James Cameron diese große Schwäche des Vorgängers aber größtenteils aus. Und das ist auch ganz logisch, weil wir es hier mit einer Fortsetzung zu tun haben, die zwar auf sehr flachen Charakteren aufbaut, diesen aber die langersehnte Tiefe gibt.

Jake Sully ist jetzt ein kümmernder, wenn auch strenger Familienvater, der eine berührende und ganz spezielle Beziehung zu seiner Frau Neytiri aufgebaut hat. Aber vor allem seine vier Kinder haben mich überzeugt. Kiri (Sigourney Weaver) und die drei anderen werden dreidimensional erzählt und können mit zahlreichen Charaktermomenten punkten. Das funktioniert deshalb so gut, weil sich der Film mit seinen mehr als drei Stunden Laufzeit auch ausreichend Zeit für Charakteretablierung- und -entwicklung nehmen kann.

Allerdings gibt es eine einzige, dafür aber umso fatalere Ausnahme: Der Bösewicht des Films bleibt, wie auch schon in Teil eins, unglaublich blass und seine Motivation ist stecknadeldünn- übrigens genauso wie die von Jake, als er sich entschließt, gegen seinen Widersacher in den Kampf zu ziehen.

Auch die Handlanger des eindimensionalen Übeltäters sind eigentlich nicht mal die Worte wert, die ich ihnen hier gerade widme, weil sie reine Statisten und dadurch kaum beachtenswert sind.


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Bau nicht dein Haus auf den losen Sand

Die Basis eines guten Films ist also, wie oben schon geschrieben, die Geschichte, die er erzählen will und die Figuren, die er dafür schreibt. Ein Film jedoch, der seine Zuschauer inszenatorisch und audiovisuell wegbläst, aber die eben erwähnte Basis nicht besitzt, ist wie ein Haus, dass auf Sand gebaut wird.

Das Fundament eines solchen Hauses stürzt nach der ersten Flut ein. Nun kann man dieses Gleichnis glücklicherweise nicht ganz so einfach auf Avatar: The Way of Water anwenden, weil der Film eine unterdurchschnittliche, aber dennoch solide Story-Struktur aufweist. Auf der baut er aber eine etwas dünne und vorhersehbare Handlung auf.

Zwar funktionieren die Charaktere im Film diesmal deutlich besser, trotzdem nimmt mich die Geschichte von Avatar 2 nicht so mit, wie sie es eigentlich sollte. Das liegt zum einen daran, dass die Ausgangslage unglaubwürdig ist. Ich will nicht spoilern, deswegen werfe ich hier nur mal die Stichwörter „Imperator“ und „Episode 9“ in den Raum.

Zum anderen wird mir die Motivation der Hauptfigur genauso wenig klar wie die des Widersachers. Dieses Problem gab es im ersten Teil nicht so stark, da die Antagonisten da zwar auch keinen sehr subtilen Plan verfolgten, der uns als Zuschauer aber dafür klar und deutlich eingetrichtert wird.

Im zweiten Teil ist das nicht der Fall. Als irgendwann nach mehr als drei Stunden die Credits über die Leinwand liefen, hab ich mich irgendwie gefragt, warum das alles jetzt überhaupt passiert ist und vor allem: Was hat sich für Pandora, für die Navi und vor allem für unsere Figuren nach diesem zweiten Teil wirklich verändert? Oder stehen wir wieder am Anfang dieser dreistündigen Odyssey?

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Avatar und der Biedermeier

avatar 2 bewertung wie gut lohnt
Was hat der Biedermeier mit Avatar 2 zu tun? Eine ganze Menge!

Avatar: The Way of Water ist in seinen Grundgedanken ein stockkonservativer Film. Durch die Erzählung von der Familie, dem starken nationalistischen Gedankengut und einer Erzählung, die durch ihre Aufteilung in Gut und Böse ebenfalls dem klassischen Hollywood-Mustern folgt, kommt, wie auch schon im ersten Teil, schnell der Gedanke auf, hier handle es sich um einen sehr reaktionär-naturalistischen Film.

Dieser Gedanke ist auch keineswegs falsch, weil er erkennen lässt, mit welchen abgedroschenen Klischees der klassischen und vor allem perfekten Familie das Mainstream-Kino auch im Jahr 2022 noch arbeitet.

Gleichzeitig ist Avatar 2 aber auch ein interessanter, wenn auch wenig subtiler Kommentar auf unsere allergrößten Menschheitsaufgaben, die wir gerade dabei sind, unwiederbringlich zu verlieren: Der Klimawandel zerstört unseren Planeten nach und nach, bis nichts mehr lebt und nichts mehr ist.

Die Navi haben einen Weg gefunden, dem nahezu unnachgiebigen, wenn gleich doch so zerstörerischen Streben nach Wachstum und Wohlstand zu entgehen. Sie leben ein friedliches, zurückgezogenes Leben in kleinen Stämmen. Sie nehmen von Pandora, aber sie geben auch wieder.

In gewisser Weise erleben die Navi eine nicht zu Ende gehende Biedermeier-Phase, in der auf politischen Druck durch die zerstörerische Kraft der Himmelbewohner, also der invasiven Menschen, durch einen Rückzug ins Private reagiert wird. Die Familie und, weiter gefasst, der Stamm, stehen im Vordergrund. Eine individualistische Gesellschaft, wie wir sie uns leisten, existiert nicht.


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Zwischen Kolonialismus und Spiritualismus

Anschließend an diesen Absatz über den Einzug des Biedermeier in unser gutes, altes Hollywood-Spektakelkino will ich noch ein paar Zeichen zur, meiner Meinung nach, verqueren und fast schon gruseligen Spiritualität in Verbindung mit einem Frauenbild aus dem 19. Jahrhundert verlieren, die mit Avatar: The Way of Water Einzug halten.

Die Handlung dreht sich eigentlich nur um die männlichen Protagonisten: Was ich wirklich unfassbar schlimm finde, ist das Frauenbild dieses Films: Das stammt noch aus dem 19. Jahrhundert: die Frauen kochen und weinen, sie müssen sich an der Schulter der Männer trösten lassen, während diese die Entscheidungen über Leben und Tod treffen.

Und wenn dann mal Frauenpower zu sehen ist, wird diese mit einer verqueren Spiritualität vermischt: Die schwangere Powerfrau, die sogar mit in den Kampf zieht. Die Navi, die lieber gruseliger Esoterik Glauben schenken als der Wissenschaft. Oder die Verbindung mit der Tierwelt, die in einem Disneyfilm noch funktionieren mag, hier aber Fehl am Platz ist.

Dazu kommt eine Priese Kolonialismuskritik, die uns Zuschauern kaum deutlicher auf die Nase gebunden werden könnte. Fast schon ironisch ist es da doch, dass Avatar 2 und James Cameron sich da eigentlich selbst wiedersprechen:

Denn es existiert hier ein scharfer Kontrast zwischen echten anti-imperialistischen Botschaften im Film selbst und der Art und Weise, wie Avatar 2 an die Kinos und uns Fans vermittelt wird: Dieser bombastische Film wird für Wochen, wenn nicht gar Monate, alle anderen Kinofilme in den Schatten stellen, regelrecht verdrängen. Verdrängen- genau das haben die Kolonialherren doch mit angeblichen „minderwertigen“ Kulturen ebenfalls getan.

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Fazit & Bewertung

Oberflächlich betrachtet ist Avatar 2 ein fantastischer Film! Wenn nicht für irgendeinen anderen Film, dann lohnt sich die Kinokarte doch ganz gewiss für diesen. Denn dieses atemberaubende Erlebnis von spektakulären Bildern und gewaltigen audiovisuellen Aufgeboten kann am heimischen Bildschirm einfach nicht reproduziert werden.

Andererseits darf dieser ganze Bombast nicht über die Schwächen im Drehbuch hinwegtäuschen. Das schafft es zwar, fast alle wichtigen Charaktere besser zu inszenieren und zu entwickeln. Die Handlung und die Motivationen der Figuren bleiben aber weiterhin hauchdünn. Da hat mir DUNE aus dem letzten Jahr deutlich besser gefallen.

Meine Kritik zum (Beinahe-)Meisterwerk von Dennis Villineuve findet ihr hier. Aber jetzt seid ihr gefragt: Habt ihr Avatar: The Way of Water schon gesehen oder wollt ihr es noch? Und könnt ihr meine Kritikpunkte und Interpretationsversuche nachvollziehen? Schreibt das gerne mal in die Kommentare!


Oberflächlich betrachtet ist Avatar 2 ein grandioser Film, für den sich die Kinokarte schon wegen der bombastischen Bildgewalt definitiv lohnt. Obwohl Cameron es in diesem Film schafft, Charakterdynamiken und -entwicklungen besser hervorzuheben, krankt die Handlung an einem blassen Bösewicht und der unglaubwürdigen Motivation des Protagonisten.

Bewertung:

3,5


Avatar 2 startet am 15. Dezember 2022 in den deutschen Kinos.

© Copyright aller Bilder bei 20th Century Fox.


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Lukas Egner

Ich bin der Gründer von filmfreitag und schaue leidenschaftlich gerne Filme und Serien aus jedem Genre. Ich bin 21 Jahre alt, studiere momentan Politik- und Medienwissenschaften und schreibe als freier Autor für verschiedene Film- und Videospielmagazine.

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14 Kommentare
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albert
albert
17. Dezember 2022 10:12

Ich war sehr enttäuscht von Avatar 2. Die Technik ist hervorragend, das 3d perfekt beherrscht, und auch im Kino selbst hat sich viel getan. Die Projektion war hell und gestochen scharf. Die Unterwasserwelten sind großartig und die Darstellung des Wassers ist so perfekt, dass es mich nicht mehr wundert, wie lange der Film in der Herstellung gedauert hat. Aber leider – die Story! So sind die Hauptfiguren des ersten Films so an den Rand gerückt,… Weiterlesen »

Marc
Marc
Reply to  albert
21. Januar 2023 2:55

Es ist wie immer, der Name bringt die Lemminge dazu ins Kino zu laufen. Ich hatte mich auch gefreut den 2 Teil zu sehen, jedoch war ich super enttäuscht, weil sich die Handlung des ersten Teils fast 1:1 im zweiten Teil, nur unter Wasser, wiederholt hat. So langweilig. Einleitung…. Familie, der Feind kommt, Mittelteil: man bekämft sich, muss ausweichen, sammelt sich neu und kehrt zurück mit neuer Strategie und Verbündeten … Story: 3 Effekte: 8… Weiterlesen »

Meta
Meta
17. Dezember 2022 4:29

Sehr gute Kritik Ich hätte noch folgendes zu ergänzen: neben den genannten Schwächen im Drehbuch fehlten mir inhaltlich noch eine zumindest Annäherung an das Geheimnis von Eywa und das abtauchen in größere Tiefen der pandora Meere. Vielleicht werden wir als Publikum hier aber wissentlich noch hingehalten, da es ja noch Stoff für Avatar 3-5 (so es denn stimmt) geben muss. Mit dem Frauenbild hab ich keinerlei Probleme, da hier eine insgesamt intakte Gesellschaft dargestellt wird,… Weiterlesen »

Jonas
Jonas
16. Dezember 2022 20:28

Der Film bietet beeindruckende Bilder und tole Special Effekts,die Story ist leider wie du sagst nicht sehr reizvoll und die Menschen und die Antagonisten bekommen viel zu wenig Story.
Hier wäre noch so viel mehr Potenzial gewesen der hoffentlich für künftige Teile aufgespart wurde.
Der Film ist dennoch sehr unterhaltsam 🙂

AnnaD
AnnaD
16. Dezember 2022 17:04

Wirklich eine hervorragende Kritik! Ich kann den Film kaum abwarten, aber nach allem, was du so kritisiert hast, wird das vermutlich kein Meisterwerk.

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