Come on Come on Kritik: Sagt so viel und doch so wenig


Come on Come on ist der neue Film von Mike Mills (20th Century Women) mit Joaquin Phoenix (Joker) in der Hauptrolle. Obwohl der Film eine eigentlich herzzerreißende Geschichte über das Leben erzählt, wird die vermeintlich große Stärke des Films, seine Dialoge, gleichzeitig zum Knackpunkt, der Come on Come on letztendlich nur mittelmäßig macht.

Um was geht’s?

Der Radiomoderator Johnny (Joaquin Phoenix) reist von Stadt zu Stadt und interviewt Kinder und Jugendliche über ihre Sorgen, Probleme und Vorstellungen der Zukunft. Und weil er sich schon vor einiger Zeit von seiner langjährigen Freundin getrennt hat und jetzt wieder Single ist, kann er seinen Job auch vollständig ausfüllen.

Doch als ihn eines Tages seine Schwester Viv (Gaby Hoffmann) anruft, deren Beziehung seit dem Tod der Mutter belastet ist, und fragt, ob er einige Tage auf ihren Sohn Jesse (Woody Norman) aufpasen kann, willigt er ein. Während sich Viv um ihren psychisch kranken Ehemann kümmert, lernen sich Johnny und Jesse näher kennen und beschließen, eine Reise von Los Angeles nach New York anzutreten.


Filmkritik zu Come on Come on

Come on Come on Joaquin Phoenix

Schwarz-Weiß-Film, malerische Kulissen, ein Fokus auf Charaktere und Dialoge. All diese Elemente sprechen für einen nachdenklichen, möglicherweise sogar tiefgründigen Arthouse-Film. All diese Elemente hat auch Come on Come on. Und ja, auch Come on Come on ist mit Sicherheit kein Mainstream-Blockbuster. Aber eben auch kein 100 prozentiger bedeutungsschwangerer Kunstfilm.

Im Gegenteil erzählt der Streifen vielmehr eine unglaublich echte, ehrliche Geschichte über das Erwachsensein, über Probleme und Sorgen, die damit einhergehen. Über das harte, manchmal unfaire Leben, dass aber trotzdem lohnenswert ist. Und über Kindheitsträume über das Erwachsensein. Und Kindheitsängste über die Zukunft. Denn dieser Film schafft es auf magische Art und Weise zwei Perspektiven von Charakteren, die nicht unterschiedlicher sein könnten, einzufangen:

Die des mit Trennungsschmerz vor einem Scheideweg seiner Karriere stehenden und ständig an seinem Entwurf des guten Lebens feilenden Johnny. Und die des zunächst sorglosen, aber trotzdem von Zukunftsängsten geplagten 9-Jährigen Jesse. Und beide dürfen einige Wochen gemeinsam in New York, der Stadt, die mehr als alle anderen für den amerikanischen Traum steht, verbringen.

In oft beeindruckenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzählt der Film die Geschichte dieser zwei Menschen. Und macht dabei etwas ganz anders als viele andere Filme: Er erzählt diese Geschichte wirklich. Er hält drauf, auch bei noch so irrelevanten Szenen. Obwohl der Film gerade einmal 109 Minuten lang ist, fühlt er sich in manchen Szenen deutlich länger an. Denn hier wird nicht etwa weggeschnitten, wenn wir ein Telefonat, dass uns nicht interessiert, zu hören bekommen. Oder wenn Johnny Jesse badet. Oder wenn die Beiden im Park spazieren gehen.

All das zeigt der Film. Und genau das ist der Knackpunkt, an dem viele Zuschauer wohl abschalten werden: Come on Come on hat keinen wirklichen Spannungsbogen, keinen übergreifenden Plot, der uns dranbleiben lässt. Vielmehr fühlt er sich oft mehr wie eine Dokumentation über das Leben zweier Menschen an. Wie sie sich kennenlernen, wie sie eine tiefe Bindung eingehen. Wie sie sich streiten, wie Johnny versucht, Jesse das Leben zu erklären, obwohl er selbst nicht recht weiß, wie das geht. Und in all diesen Momenten ist die Kamera dabei. Wer solche Art Filme mag, wird auch mit Come on Come on seinen Spaß haben.

Nachdem Joaquin Phoenix 2019 in Joker einen Charakter kreierte, der nicht nur furchteinflößend, sondern auch gestört, krankhaft und verletzlich ist, spielt er in Come on Come on das genaue Gegenteil. Hier erleben wir einen ganz normalen Mann, der noch nach dem Sinn des Lebens sucht. Die Nuancen im Schauspiel von Phoenix formen diesen Charakter. Ebenso passiert das bei Jesse, der perfekt verkörpert wird vom Youngster Woody Norman, wohl der Entdeckung des Jahres. Der spielt ein hochintelligentes Kind, das in manchen Momenten fast schon wie ein Erwachsener spricht. Nur um in anderen Momenten wieder voll in die Rolle des Kindes zu verfallen.

Hier ist dem jungen Schauspieler eine sehr gute Balance gelungen. Woran der Film also definitiv nicht krankt ist das Schauspiel. Sowohl die beiden Protagonisten Johnny und Jesse als auch Gaby Hoffmann, die die Mutter des Jungen spielt und ihr Ehemann mit bipolarer Störung, gespielt von Scoot McNairy, trumpfen auf. Aber dann wären da beispielsweise die Dialoge. Die reichen von meisterhaft Geschriebenem bis bedeutungsschwangeren Kalendersprüchen.

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Come on Come on Film

Immer geht es um das Leben, die Liebe, Probleme, Sorgen, Ängste, die Zukunft, Menschen. Aber der Film findet nicht die Balance zwischen guten und schlechten Dialogen. Und gerade ein Film wie Come on Come on lebt nun mal von seinen Dialogen. Symptomatisch dafür war zumindest für mich ein Monolog relativ am Ende des Films. Zum einen ist dieser Monolog streng genommen ebenfalls ein Dialog, da Johnny mit Jesse redet, er fühlt sich aber aufgrund seiner „Abgekoppeltheit“ vom Rest der Dialoge so an wie ein Monolog. Und dieser Monolog ist fantastisch.

Er spricht eben genau die Themen an, die der Film behandeln will. Schade ist jedoch, dass dieser Monolog aus einem Buch kommt und eben nicht extra für den Film geschrieben wurde. Und so sind viele der Dialoge aufgebaut. Für sich genommen sind sie mehr als nur gut. Aber im Kontext des Gesamtwerks fühlen sie sich oft wie Kuchenstücke an, die man schon aus dem Kuchen geschnitten hat, obwohl man diesen doch zunächst als ganzen Kuchen präsentieren wollte.


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Aber wo wir schon bei den Dialogen sind: Untermalt werden sie zumindest von einem stimmungsvollen Soundtrack. Der ist immer perfekt angepasst auf die jeweiligen Situationen im Film. Er ist weder aufdringlich noch besonders zurückhaltend, sondern findet eine einzigartige Mischung aus Beidem. In meinen Notizen zum Film habe ich geschrieben, dass die Musik von Come on Come on mit den Szenen fließt wie die Wellen des Meeres. Klingt pseudo-poetisch, aber genauso hat sich die musikalische Untermalung für mich angefühlt.

Und durch die Entscheidung von Mike Mills, dem Regisseur des Films, in Schwarz-Weiß zu drehen, entsteht eine ganz eigene Atmosphäre. Gerade in Szenen, in denen die Stadt New York zu sehen ist, wird die Monumentalität der Szenerie im Vergleich zu den Charakteren transportiert. Auch die Geschichte des Films und seine Charaktere kommen durch die Entscheidung, keine Farben zu verwenden, mehr zur Geltung. Als Zuschauer konzentriert man sich viel mehr darauf als auf alles andere. Obwohl die Story also eigentlich sehr simpel ist, wird sie durch ihre Inszenierung oft aufgewertet. Zumindest für manche Zuschauer.


Fazit & Bewertung

Und während ich noch diese Zeilen schreibe, merke ich, was dieser Film wirklich in mir ausgelöst hat: Er hat mich sozusagen schweben lassen. In bedeutungsschweren Dialogen, die aber oft mehr wie Kalendersprüche klingen. In beeindruckenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die mich träumen lassen vom bunten New York. In Charakteren, die ich voll nachvollziehen kann, die aber eben ganz normale Menschen und deswegen auch überhaupt nicht spannend sind.

Vielleicht ist Come on Come on mehr ein Erlebnis als ein Film. Ein Erlebnis, dass keine großartige Geschichte braucht. Ein Erlebnis, dass von seinen Bildern, seinen Charakteren, der Stimmung und der musikalischen Untermalung lebt. Wer darauf steht, wer sich für knapp zwei Stunden in eine völlig fremde und doch so bekannte Welt begeben will, dem empfehle ich Come on Come on. Wer mehr Action oder zumindest einen einigermaßen klaren Plot braucht, für den ist dieser Film wohl eher nichts.

3.5 out of 5 stars


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Lrichi
Lrichi
6. April 2022 9:52

Die Sprache dieser Kritik gefällt mir überhaupt nicht, da weiß ich dann schon wie sehr ich dieser Kritik vertrauen kann….

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