Ist Crimes of the Future der grausamste Film des Jahres? Kritik zum neuen Body-Horror von David Cronenberg

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David Cronenberg war und ist wohl einer der großen Namen des aussterbenden Hollywood-Autorenkinos. Jetzt hat der mittlerweile 79-Jährige Body-Horror-Spezialist mit Crimes of the Future einen neuen Film herausgebracht, der leider nie an die Genialität seiner alten Werke heranreicht.

Um was geht’s?

In einer düsteren Zukunft, in der nur noch wenige Menschen die Fähigkeit besitzen, Schmerzen zu empfinden, haben sich Saul (Viggo Mortensen) und Caprice (Léa Seydoux) einen Namen mit ihrer Performance-Kunst gemacht: Er lässt in sich neue Organe heranwachsen, die sie noch in den Körper tätowiert und dann vor einem begeisterten Publikum heraus operiert. 

Der Bürokrat Wippet (Don McKellar) und seine Assistentin Timlin (Kristen Stewart) sind unterdessen damit beschäftigt, eine Registrierungsstelle für neuartige Organe aufzubauen – so soll verhindert werden, dass die Menschheit bei der Evolution in eine unerwünschte Richtung abbiegt.  Als sich gleich zwei Chancen bieten, die Performance auf ein neues Level zu hieven, gerät das Künstler-Duo damit auch verstärkt ins Visier der Behörden: 

Zum einen will Saul an einem Wettbewerb der inneren Schönheit teilnehmen und sich dort in der Kategorie „Best Original Organ“ zur Wahl stellen. Zum anderen bietet ein trauernder Vater (Scott Speedman) an, seinen von der eigenen Mutter ermordeten, mit einem Organ, das Plastik verdauen kann, gesegneten Sohn auf der Bühne live vor Publikum obduzieren zu lassen…


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Filmkritik zu Crimes of the Future (2022)

Crimes of the Future Kristen Stewart
Operationen am eigenen Körper und Organe, die in uns drin wachsen: Cronenberg macht mit Crimes of the Future mal wieder ein absurdes Szenario auf.

Eigentlich startet Crimes of the Future ja echt vielversprechend: Wir erleben einen Jungen, vielleicht 10 Jahre alt, der im Badezimmer einen Plastikmülleimer verspeist. Aus seinem Mund quillt rosafarbener Schaum. Aber schon beim nächsten Schnitt hin zu Saul, der in einem mysteriös-unterkomplexen Gestell aus Knochen oder ähnlichem schläft, dass seine Schmerzzentren stimulieren soll, folgt die Enttäuschung. 

Genau wie auch der Regisseur des Films, David Cronenberg (Die Fliege, Crash), der sich nicht entscheiden kann, wann endlich Schluss mit Filmemachen ist, kann sich sein neuer Film nicht entscheiden, ob er eine düstere Zukunftsvision aufmachen oder doch ein dystopisches Kammerspiel zeigen will. 

Sollte er sich für eines entschieden haben, wird das die gesamte Lauflänge des Streifens über eigentlich nicht klar. Die Ausgangssituation ist nämlich eigentlich richtig spannend und bietet viel Potenzial, daraus einen dystopischen Film über die Zukunft der Menschheit zu machen. Nur müsste man dann die sich auftuende Welt auch besser ausbauen und es nicht beim reinen „Darüber-Erzählen“ belassen.

Für ein Kammerspiel wiederum sind die Dialoge in Crimes of the Future einfach zu schlecht. Auch hier gäbe es Potenzial, das aber vielleicht auch eher gezwungenermaßen implementiert wurde. Denn der neue Cronenberg hatte weit weniger Budget als seine alten Genialitäten. Da musste man dann schon fast auf sehr viel Dialog ausweichen, um ja nicht zu viel zu kosten.

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Requisiten aus dem 3D-Drucker

Apropos Budget: Dass da nicht viel vorhanden war, merkt man auch an den Requisiten im Film. War Cronenberg mal als Meister des Body-Horrors bekannt, sind davon jetzt nur noch wenige Versatzstücke des einstmaligen Meisters erhalten. Die Fliege kann man sich heute noch anschauen und wird erstaunt sein von den praktischen Effekten. 

In Crimes of the Future allerdings sehen die Requisiten teilweise richtig billig aus. Das Möbelstück, auf dem Saul allabendlich schläft, soll wohl irgendwie organisch wirken, es bewegt sich mysteriös und vereint Technologie und Natur. Allerdings sieht es dabei aus wie ein Plastikteil aus dem 3D-Drucker. Eine ganz andere Art von Body-Horror ist übrigens Triangle of Sadness. Meine Kritik dazu findet ihr hier.


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Auch die Kunstperformances, die Saul und Caprice darbieten, mögen anfangs noch recht interessant wirken, nutzen sich aber schnell ab, wenn man merkt, wie unecht alles ist. In früheren Filmen war Cronenberg als Meister der praktischen Effekte bekannt. 

Die Faszination seiner Filme rührte aus der Gewissheit, dass das alles irgendwie echt und ekelhaft ist. In Crimes of the Future geht diese Faszination verloren, seine Figuren werden wortwörtlich auf dem OP-Tisch aufgeschnitten. Und genauso clean wie ein OP-Tisch wirkt auch sein neuer Film. Zu clean für Body-Horror.

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Kritik der reinen Vernunft

crimes of the future schauspieler
Viggo Mortensen leidet für Crimes of the Future.

Worin Cronenberg auch mal ein Meister war, sind seine zeitlosen Beobachtungen der Gesellschaft: In Videodrome erzählt er schon 1983 von der Abhängigkeit der Menschen durch die Medien. In “Die Fliege” vereint er eine gesellschaftspolitische Analyse der Moral in der Wissenschaft mit einem Metakommentar auf das menschliche Beziehungsleben.

Mit Crimes of the Future will er nun ebenfalls wieder gesellschaftskritisch werden. Und das gelingt ihm auch an einigen Stellen. Seine Medienkritik an immer aufmerksamkeitsgeileren Selbstdarstellern etwa ist fantastisch. Im Film sind das sowohl Saul und Caprice als auch Timlin, die zunächst das unschuldige und schüchterne Mädchen mimt und dann zur knallharten Operations-Fetischistin wird. 

Im echten Leben lässt solch eine Kritik gleich Parallelen zur Welt der Influencer aufkommen. Auch sie stehen in ständiger Konkurrenz zueinander. Genau wie die Performance-Künstler, die sich immer überbieten müssen, um dem Publikum noch ein erstauntes Raunen herauszukitzeln. 

Aber spätestens wenn der Ausruf “Surgery is the new sex” fällt, bricht der Film in sich zusammen. Ja, in dieser Welt, die Cronenberg versucht, aufzubauen, wird der Operation am offenen Körper eine gewisse Erotik entlockt. Die wird uns, den Zuschauern, aber nie nachvollziehbar vermittelt.

Mit ähnlichen Themen hat Cronenberg ja auch schon in der Vergangenheit gespielt: In Crash (1996) etwa glaubt man den Protagonisten eigentlich immer, dass ihnen heftig einer abgeht, wenn sie Autounfälle verursachen oder bei ihnen zuschauen. Solch ein Effekt kommt im neuen Film aber nie rüber.

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Staubtrocken inszeniert mit Schauspielern, die keine Lust haben

Zu dieser Unglaubwürdigkeit trägt auch die stellenweise staubtrockene Inszenierung bei: Nicht nur merkt man oft, dass es an Budget fehlt, um die eigentlich interessante Welt weiter auszubauen und auch mal in all ihren Facetten zu zeigen. Auch das ständige Unterbrechen der Operationen und Performances durch häufig unglaublich langatmige und langweilige Dialoge trägt nicht zum World-Building bei. 

Anstatt uns mehr von seinen Ideen zu zeigen, wird in geistlosen Schnitt-Gegenschnitt-Dialogen eigentlich gar nichts erzählt. Und die biedere Inszenierung machen auch die Schauspieler nicht wirklich besser: Ich habe Viggo Mortensen (Herr der Ringe, Green Book) und Lea Seydoux (James Bond, The French Dispatch) lange nicht mehr so gelangweilt spielen sehen. Eine der besten Schauspiel-Leistungen dieses Jahr hat übirgens Mia Goth gegeben. Meine Kritik zu ihrem neuen Film Pearl gibt’s hier.


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Einzig Kristen Stewart (Spencer, Twilight) kann hier überzeugen. Ihre Wandlung von der schüchternen Assistentin zur absoluten Organ-Fanatikerin ist zwar ebenfalls wenig glaubwürdig, die Schauspielerin versteht aber immerhin, damit auf lockere und vor allem nicht ganz so ernste Weise umzugehen.

Und letztendlich hätte das dem Film vielleicht auch insgesamt gut getan: Seine absurde Prämisse anzuerkennen und daraus dann das Beste zu machen. Die Fliege hat das meiner Meinung nach richtig gut vorgemacht. 

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Fazit & Bewertung

Crimes of the Future hätte eigentlich ein so guter Film werden können. Die Prämisse dafür hat er, vor Ideen sprudelt der Streifen nur so. Das Problem ist halt nur, dass aus dieser Prämisse keine interessante Welt erschaffen wurde und die meisten der Ideen in einem Strudel an mittelmäßigen Schauspiel-Performances und einer staubtrockenen Inszenierung untergehen. 

Und am Ende wird dann ein Kind aufgeschnitten. Danke, aber nein danke! Wenn einem die Ideen ausgehen, macht man halt Pseudo-Skandalfilme, nach denen aber in wenigen Wochen keiner mehr krähen wird. Und vielleicht ist die Zeit von Cronenberg auch vorbei. Seine Momente hatte er doch schon längst, vielleicht ist es an der Zeit, den jungen Wilden die Bühne zu überlassen.


Ein Film voller interessanter Ideen und dem Potenzial, eine faszninierend-düstere Zukunftsvision aufzubauen. Allerdings stehen dem eine staubtrockene Inszenierung, wenig überzeugende Effekte und Schauspieler, die keine Lust haben im Weg. Von Cronenberg erwartet man mehr.

Bewertung:

2


Crimes of the Future startet am 10. November 2022 in den deutschen Kinos.

© Copyright aller Bilder bei NEON.


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Lukas Egner

Ich bin der Gründer von filmfreitag und schaue leidenschaftlich gerne Filme und Serien aus jedem Genre. Ich bin 21 Jahre alt, studiere momentan Politik- und Medienwissenschaften und schreibe als freier Autor für verschiedene Film- und Videospielmagazine.

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