Cruel Summer Serienkritik: Highschool-Dramedy oder gesellschaftspolitisches Statement?

In Cruel Summer erleben wir die Geschichte von zwei Teenagerinnen, die sich gegenseitig der Falschaussage bezichtigen. Ob dabei eine gute Serie herausgekommen ist, erfahrt ihr hier.

Um was geht’s?

Jeanette Turner (Chiara Aurelia) ist eigentlich eine ziemlich normale Teenagerin aus einer US-amerikanischen Vorstadt. Doch eines Tages wird ihr Leben zerstört, als die entführte Kate Wallis (Olivia Holt) gerettet wird und Jeanette im landesweiten Fernsehen vorwirft, sie während ihrer monatelangen Gefangenschaft gesehen und nichts unternommen zu haben. Daraufhin erlebt das Mädchen eine mediale Diffamierung, die ihresgleichen sucht.

Alles beginnt, so heißt es in der Auftaktfolge, etwa am 21. Juni 1993, 1994 und 1995. An diesem Tag feiert Jeanette ihren Geburtstag. 1993 wirkt sie da noch fröhlich, wird von ihren Eltern geweckt, es wird gescherzt, gelacht und gefeiert. Ein Jahr später: Ein liebevoller Kuss weckt Jeanette. Ihr Freund hat sie zum Geburtstag überrascht. Zärtlichkeit, Romantik und ein Liebesgeständnis. Noch ein Jahr später, 1995: Der Morgen ist grau, Jeanette liegt wie angewurzelt im Bett, niemand gratuliert ihr zum Geburtstag, nur der Vater weißt sie schroff daraufhin, dass unten im Haus die Anwältin wartet.

1993 ist Jeanette noch der Nerd des Jahrgangs mit ihren nerdigen Freunden und nerdigen Klamotten. Zusammen radeln sie zum Einkaufszentrum, wie man es als Teenager in den USA eben tut und begegnen der coolen Kate mit ihrer Freundesclique. Die ist das genaue Gegenteil der schüchternen Jeanette. Aber weil ebendie auch mal zu den Coolen gehören will, spricht sie Kate stotternd und peinlich berührt an, bevor diese durch ihren Freund abgelenkt wird. Als Jeanette wieder zu ihren zwei Freunden, Vincent und Mallory stößt, beschließen sie, diesen Sommer auch mal etwas zu erleben und ein paar semi-kriminelle Taten zu begehen.

Drei Sommeranfänge, drei unterschiedliche Jeanettes, dreimal Neunziger-Nostalgie zum mitnehmen.

Drei Jahre, die verschwimmen

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Zwei so unterschiedliche Teenager, deren Leben auf einen Schlag verändert wird: Kate und Jeanette. (Quelle: Amazon)

Während der Folgen von Cruel Summer erleben wir immer neue Tage der Jahre 1993, 1994 und 1995, an denen sich grundlegende Sachen in den Charakterkonstellationen und Beziehungen ändern. Während uns 1993 noch eine fröhliche, etwas nerdige Außenseiterin begegnet, die zu Kate, der beliebten Beautyqueen an ihrer Highschool aufschaut, dreht sich der Spieß 1994: Jetzt hat sich Jeanette zur coolen Cliquenanführerin hochgearbeitet und Kate weiß nicht, wie sie mit der Situation so kurz nach ihrer Entführung umgehen soll.

Und 1995 zeigen sich die Konsequenzen der Handlungen, die beide Mädchen im Laufe der Serie ausführen: Sowohl Jeanette als auch Kate liegen charakterlich am Boden. Beide beschuldigen sich gegenseitig der Falschaussage. Der Falschaussage, die beiden das Leben beinahe zerstört hat. Und so verschwimmen die Jahre immer mehr. Während am Anfang noch eine unglaubliche Distanz zwischen den Handlungen der unterschiedlichen Jahre liegt, kommen sich diese im Laufe der Folgen immer näher und verschwimmen.

Bald ergibt sich ein immer umfassenderes Bild der wahren Begebenheiten. Wir erfahren diese Begebenheiten aus beiden Perspektiven. Doch bis zum Ende bleibt offen, wer hier wen falsch beschuldigt, wer denn nun wirklich der „Böse“ ist. Denn durch neue Enthüllungen werden gleichzeitig auch immer neue Fragen aufgeworfen. Ein Krimi, der bis zum Schluss spannend bleibt, ist ein guter Krimi.

Tief im Süden der USA

Cruel Summer spielt in Texas. Wir erleben eine Vorstadt im Süden der USA, in der politische Einstellungen weit rechts der Mitte die Normalität sind, in denen der Erfolg von Frauen an ihren Ehemännern und ihrer Präsentation auf Gartenpartys gemessen wird. In denen der Erfolg der weißen Mittelschicht am Erfolg im Beruf gemessen wird. Und in dem es nur selten Abweichungen von der Norm gibt: Etwa, wenn man als schwarzer Mann ein ehemaliger Footballprofi ist. Dann wird man von der weißen Mittel- und Oberschicht als Exot unter Ihresgleichen akzeptiert. Zufälligerweise ist genau das der Fall beim Vater der schönen Kate, die später vom Vizeschuldirektor, der auf den Gartenpartys noch als der „Neue“ im Smalltalk unterging, entführt wird, der Fall.

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Eine scheinbar perfekte Familie, die nach innen hin gespalten ist. (Quelle: Amazon)

Und damit erlaubt sich die von Amazon produzierte Serie tatsächlich auch eine gewisse sozialökonomische und gesellschaftspolitische Kritik am System in den Südstaaten der USA. Dass ebendieses System letztendlich dazu geführt hat, dass sich Kate von ihrer nur nach außen hin perfekten Familie nicht mehr verstanden gefühlt hat, wird beeindruckend inszeniert. Kate vertraut sich immer mehr ihrem späteren Entführer, den sie als emphatische, verständnisvolle Person kennenlernt, an. Dieser Vizeschuldirektor, der ihr durch das gesellschaftspolitische System antrainierte Vertrauen hinterhältig ausnutzt, findet sich später in einer ebenso aussichtslosen Situation wieder wie seine Entführte.

Auch auf der anderen Seite haben wir es mit gesellschaftlichen Problemen zu tun, die sich mehr und mehr in den Vordergrund des Lebens der Protagonistin Jeanette drängen: Während sie 1993 als nerdige Außenseiterin noch von kaum jemandem außer ihren Freunden wahrgenommen wird, ändert sich das mit ihrem Rollentausch 1994, als sie zum Spiegelbild der entführten Kate wird und dabei auch noch deren Freunde übernimmt. Und 1995 führt das zum Höhepunkt der Ausgrenzung aus dem sozialen Leben. Jeanette wird vermeintlich zu Unrecht beschuldigt, die entführte Kate im Haus des Vizeschuldirektors gesehen und nichts unternommen zu haben.

Diese Schuldzuweisung wird zu allem Übel auch noch landesweit im Fernsehen übertragen und führt im Anschluss dazu, dass Jeanette sich fast vollständig aus ihrem sozialen Leben zurückzieht. Auch diesen Umständen lässt sich ein sozialökonomischer Kommentar entnehmen: Kate, die aus einem gut situierten Haus kommt und deren Vater ein berühmter Sportler war, beschuldigt ein Mädchen, dass sich im Laufe eines Jahres eigentlich nur selbst gefunden und emanzipiert hat (wie auch immer man diese Emanzipation und Selbstfindung persönlich bewertet, spielt keine Rolle) und aus einem eher der unteren Mittelschicht zuzuordnenden Haushalt stammt, einer verachtenswürdig schlimmen Tat. Und die ganze Nation glaubt ihr.

Natürlich hat auch Kate nach der Befreiung aus einer monatelang anhaltenden Entführung psychische Probleme der ein oder anderen Art. Aber eine solche einseitige Schuldzuweisung ohne irgendwelche Anhaltspunkte zu rechtfertigen, wird schwer. Im Verlauf der Serie werden all diese inhaltlich sehr interessanten Fragen und ihre damit einhergehenden sozialökonomisch und gesellschaftspolitisch aufgeworfenen Probleme auf die ein oder andere Art behandelt. Und damit zeigt die Serie, dass sie mehr ist als ein einfacher Krimi mit Coming-Of-Age- und Highschool-Serien-Elementen.

Der Blick auf die Technik

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Cruel Summer fängt die 90er-Atmosphäre oft recht gut, wenn auch recht plump, ein. (Quelle: Amazon)

Blicken wir noch kurz auf die technischen und designphilosophischen Entscheidungen von Cruel Summer. Sowohl die Kameraarbeit als auch das Sounddesign sind nicht besonders herauszustellen, da sie meist recht ordentlich gemacht wurden und es kaum etwas zu beanstanden gibt.

Auch die Entscheidung der Macher dazu, die jeweiligen Jahre, in denen die Serie spielt, in unterschiedlichen Farbtönen abzubilden, mag dem einen gefallen und dem anderen nicht. Für mich war diese Farbgebung eher störend, da sie auf recht plumpe Art und Weise den Unterschied der einzelnen Jahre auf die Psyche der Protagonisten widerspiegelt. Das hätte man mitunter auch kreativer lösen können.

Auch die musikalische Untermalung fiel mir persönlich weder positiv noch negativ auf und ist daher wohl auch als durchschnittlich, aber weit entfernt von sehr gut oder sehr schlecht, eizuordnen. Wer auf Neunziger-Mucke steht, wird hier sicherlich seinen Spaß haben.

Fazit

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Wie ein Spiegelbild der Anderen: Jeanette und Kate zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben. (Quelle: Amazon)

Cruel Summer ist eine Serie, die auf spannende Weise viele gesellschaftspolitische und sozialökonomische Spannungsfelder der US-Südstaaten behandelt. Dabei hilft ihr der Mantel als Coming-Of-Age-Krimi-Drama auch dabei, die Zuschauer auf die Handlung einzustimmen und dann auch mal schwierigere Themen zu behandeln. Denn nach außen hin wirkt die Serie zunächst wie eine weitere Standard-Highschool-Dramedy.

Doch das ist sie bei weitem nicht. Zwar hat sie technisch nicht wirklich viel außergewöhnliches zu bieten. Die Musik ist dem 90er-Thema angepasst, die Kamera erzählt die Geschichte auf manchmal plumpe Weise mit und die Requisite tut ihren Rest zum durchschnittlichen Design.

Wo die Serie dann überzeugt ist auf inhaltlicher Ebene. Bis auf das Ende ist inhaltlich alles stimmig und interessant inszeniert, sodass man nie die Lust verliert, weiterzuschauen. Und das bekommen heutzutage leider immer weniger Serien so gut hin wie Cruel Summer. Eine Serienempfehlung, vor allem, wenn ihr eh schon Amazon Prime besitzt.

Bewertung

3.5 out of 5 stars

Wenn ihr für den #filmfreitag jetzt noch eine Filmempfehlung braucht, lest doch mal meine Kritik zu The Green Knight. Oder ihr habt mehr Lust auf einen entspannten Serienmarathon, da eignet sich Game of Thrones auch weiterhin perfekt. Meine Lieblingsfolgen der Serie habe ich hier aufgeschrieben. Und wenn ihr Cruel Summer schon gesehen habt, schreibt mir gerne in die Kommentare, wie ihr die Serie fandet!

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