Die Highlights des Filmfestivals in Cannes | Teil 2

Vom 6. Bis zum 17. Juli haben sich in der französischen Kleinstadt Cannes wieder Schauspieler, Kritiker und Fans getroffen, um das Medium Film zu feiern! Das sind meine persönlichen Highlights vom diesjährigen Filmfestival. Teil 1 gab’s letzte Woche schon hier.

Einführung

Es ist immer wieder ein Schauspiel für sich, wenn in Cannes auf dem roten Teppich die Prominenz der Filmwelt auf- und abschreitet. Große und kleine Stars, berühmte Regisseure und unbekannte Newcomer, etablierte Drehbuchautoren und neue Gesichter der Branche. Fast alle treffen sich einmal im Jahr in Cannes, um auf dem wohl wichtigsten und zugleich prestigeträchtigsten Filmfestival ihre neuen Werke vorzustellen.

Auch in diesem Jahr findet das Festival, trotz der immer noch anhaltenden Corona-Beschränkungen, unter Auflagen statt. In der französischen Kleinstadt Cannes werden wieder zahlreiche Filme der Weltöffentlichkeit präsentiert und namhafte Künstler aus Frankreich, Spanien, Deutschland, den USA und auch dem Rest der Welt stellen ihre Werke vor.

Um einen Überblick über die meisterwarteten und vielversprechendsten Neuerscheinungen zu geben, habe ich in diesem Beitrag und dem nächsten Beitrag (hier klicken) mal meine sechs Favoriten aufgeschrieben. Am Ende gibt es noch einen kleinen Geheimtipp, also lest gerne bis zum Ende. Und mich interessiert natürlich auch, auf welche von den Filmen ihr euch am meisten freut oder ob ihr vielleicht ganz andere Favoriten habt. Also ab damit in die Kommentare!

The Worst Person in the World von Joachim Trier

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Erstmal weg aus dem öden Leben: Julie flüchtet in The Worst Person in the World aus ihrem Alltag. (Quelle: Oslo Pictures)

Der erste Film, den ich heute vorstellen möchte, ist mir allein schon durch seinen Titel ins Auge gefallen. „Die schlimmste Person der Welt“. Was mag sich hinter diesem Titel verstecken? Es könnte alles sein. Ein Rachethriller, eine Romanze oder doch ein Horrorfilm? Nun, Romanze kommt dem wohl am nähesten, durchleuchtet der Film doch in zwölf Kapiteln wichtige Stationen im Leben einer Frau.

Die fast 30-jährige Julie ist mit Aksel zusammen, einem 44-jährigen Comiczeichner, der gerne mit ihr eine Familie gründen würde. Während er immer berühmter wird, arbeitet sie in einer Buchhandlung und versucht sich am Artikelschreiben. Julie lernt auf einer Party den jungen und energiegeladenen Eivind kennen, der wie sie selbst, niemals Kinder haben möchte.

Nachdem sie die Nacht mit ihm nicht vergessen kann und ihm bald wiederbegegnet, verlässt sie Aksel, in der Hoffnung, mit Eivind etwas Neues und Bedeutsames beginnen zu können. Ein Jahr später erfährt sie, dass Aksel schwer erkrankt ist und besucht ihn im Krankenhaus.

Dabei erzählt der Film von den einzelnen Stationen im Leben von Julie, ihren Eskapaden und Erlebnissen und letztendlich von einer Reise zur Selbstakzeptanz. Das der Filmtitel somit eher euphemistisch gemeint ist, gibt selbst der Regisseur Joachim Trier zu. Denn die 30-jährige Frau ist natürlich nicht gleich die schlimmste Person der Welt, nur weil sie ihren Freund betrügt oder verlässt.

Vielmehr stellt sich der Film die Frage, wie wir als Menschen eigentlich werden, wer wir sind. Was gehört zur Selbsterkenntnis, zur Selbstfindung dazu? Und wie beeinflussen uns andere Menschen auf dieser Reise?

Ich bin wirklich gespannt auf den Film, dessen Hauptdarstellerin Renate Reinsve beim Filmfestival in Cannes die Auszeichnung als beste Darstellerin gewonnen hat. Obwohl der normale deutsche Kinogänger wohl keine der Schauspieler kennen wird, haben die sich am norwegischen Theater wohl schon einen Ruf erarbeitet. Und das grundsätzliche Thema klingt auch spannend, vor allem durch die Einteilung in zwölf Kapitel.

Einen deutschen Kinostart hat The Worst Person in the World noch nicht.

Drive my car von Ryūsuke Hamaguchi

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Drive my car ist ein japanischer Film, der mit fast drei Stunden ziemlich lang ist. (Quelle: The Match Factory)

Machen wir weiter mit einem ungewöhnlichen japanischen Film. Drive my car oder im Orginal “Doraibu mai ka” handelt von einem Theaterregisseur und seiner Chauffeurin, die sich auf ihren gemeinsamen Fahrten immer näherkommen und schmerzhafte Geheimnisse miteinander teilen.

Anfangs ist der Theaterregisseur noch glücklich mit einer Stücke-Autorin verheiratet, aber als diese spurlos verschwindet, stürzt ihn das in eine tiefe Krise. Durch seine neue Chauffeurin kann er das Drama um seine verschollene Frau schrittweise besser verarbeiten und beginnt damit, den Verlust zu akzeptieren.

Drive my car klingt wirklich sehr interessant. Ich erhoffe mir vom Film einen Mix aus The Farewell (2019) und Green Book (2018). Wenn der Film auch nur ansatzweise das Potential ausschöpft, das er meiner Meinung nach hat, dann erwartet uns hier ein spektakulär gutes Drama aus Japan.

Der Kinostart für Deutschland ist leider auch hier noch nicht bekannt.

Titane von Julia Ducournau

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Man kann wohl ohne Zweifel sagen, dass Titane ein besonderer Film ist. (Quelle: Diaphana Distribution)

Für den Abschluss dieser Liste der Highlights aus Cannes, die letzte Woche mit den ersten drei Highlights eingeläutet wurde, habe ich mich für den Gewinner der Goldenen Palme, also des Hauptpreises, nämlich Titane, entschieden.

Und lasst mich vorneweg direkt mal eines sagen: Die Inhaltsangabe dieses Films klingt wirklich verrückt, spannend und verstörend zugleich! Es geht nämlich um eine Serienmörderin, die sich Fahrzeugen, also z.B. Autos, körperlich verbunden fühlt.

Als kleines Mädchen erhält Alexia nach einem von ihr mitverschuldeten Autounfall eine Titanplatte von ihrem Vater in den Schädel implantiert (daher wohl auch der Filmtitel). Bereits als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, würdigt sie ihre Eltern keines Blickes. Stattdessen läuft sie auf den Unfallwagen zu, umarmt und liebkost diesen.

Jahrzehnte später im Erwachsenenalter arbeitet Alexia (Agathe Rousselle) als erotische Tänzerin bei einer Auto-Show. Sie tötet Menschen brutal, die ihr im Wege sind oder ihr zu nahekommen. Auch hat sie Bondage-Sex mit einem Ausstellungsboliden, von dem sie blitzartig schwanger wird.

Als sie später vor der Polizei fliehen muss, nimmt Alexia eine neue Identität an und verändert dazu ihr Aussehen drastisch. Als vermisster Sohn des Feuerwehrkommandanten Vincent (Vincent Lindon) wird sie wieder bei ihm aufgenommen. Schon bald entwickelt er väterliche Gefühle. Alexia muss sich daraufhin in ihrer neuen Rolle bei der Feuerwehrtruppe beweisen, der Vincent jegliche Diskussion über seinen wiedergefundenen Sohn untersagt.

Der Film wirft alle möglichen Fragen rund um Sexualität, Identität, Geschlechterrollen und andere Themen auf, die höchst polarisierend wirken. Der französisch-belgische Film hat deswegen auch durchaus für gespaltene Reaktionen bei der internationalen Kritik gesorgt. Aber für mich klingt Titane einfach zu interessant, um ihn nicht mal eine Chance zu geben. Und man gewinnt ja nicht umsonst die Goldene Palme in Cannes.

Wer also auf einen Film steht, der sich wirklich gar keinem Genre so richtig zuordnen lässt und auf abgedrehte Ideen steht, sollte sich Titane nicht entgehen lassen! Übrigens: Die Regisseurin des Films, Julia Ducournau, ist bekannt für solch verstörende Horror-Werke. Ihr Erstlingswerk Raw handelte von einer kannibalistisch veranlagten Tiermedizinstudentin. Der Film soll in den Kinos sogar für Ohnmachtsanfälle gesorgt haben. Also nichts für schwache Nerven!


Geheimtipp und Schlussworte

Vor einer Woche gab es an dieser Stelle meinen Geheimtipp des Filmfestivals in Cannes. Wenn ihr wissen wollt, welcher Film das ist, dann klickt gerne mal hier. Und jetzt will ich noch kurz ein paar Schlussworte finden zum gesamten Filmfestival.

Cannes hat dieses Jahr gezeigt, dass das Medium Film noch lange nicht tot ist und auch die Kinos nach einer langen Zeit der Abstinenz wieder voller werden. Die Pandemie hat zwar einige negative Auswirkungen auf die gesamte Branche gehabt, aber man sieht mal wieder: Der Kinofilm ist eine Instanz, die auch die schlimmsten Krisen überlebt und gestärkt daraus hervorgeht.

Der Streaming-Markt wird zum immer größeren Konkurrenten und auch soziale Medien sorgen für weniger Kinogänger. Aber trotzdem kann kein Fernseher, kein Tiktok-Video und kein Netflix-Film das Erlebnis eines Kinogangs ersetzen. Und das Filmfestival in Cannes dieses Jahr hat gezeigt, dass das Interesse am Kino nach wie vor groß ist. Eine wichtige Botschaft auch an die Politik, die Kinos als Ort der kulturellen Zusammenkunft fördern sollte wie das Theater oder die Oper.

Wenn ihr jetzt erstmal genug von anspruchsvollen Indie-Filmen und dem Autorenkino aus Cannes habt, empfehle ich euch den Film The Tomorrow War mit Chris Pratt. Da könnt ihr euer Gehirn in den Stromsparmodus versetzen und gleichzeitig noch etwas Spaß haben. Meine Ausführliche Kritik zum Film findet ihr hier. Und letzte Woche gab’s den ersten Teil meiner Highlights aus Cannes, den ihr hier findet. Wenn ihr selbst noch einen Film habt, den ihr unbedingt empfehlen könnt, schreibt ihn doch mal in die Kommentare. Ich freue mich immer über neue Empfehlungen!

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