Doctor Strange in the Multiverse of Madness Kritik: Wo Zombies und Superhelden sich gute Nacht sagen


Seit einigen Tagen gibt’s den neusten Marvel-Blockbuster Doctor Strange in the Multiverse of Madness auf der Streamingplattform Disney Plus zu sehen. Aber wird der Film dem Hype gerecht und warum ist ausgerechnet Sam Raimi ein ausschlaggebender Punkt? Alles dazu in meiner Kritik zum Film.

Um was geht’s?

Nach den Ereignissen von Avengers: Endgame, der Serie Wanda Vision und zahlreichen anderen Produktionen aus dem Marvel-Universum steht Doctor Strange fast ganz alleine da, als er eines Tages von einem mysteriösen Mädchen träumt, dass von einem monströsen Etwas verfolgt wird.

Es stellt sich heraus, dass das Mädchen, von dem er geträumt hat, America Chavez (Xochitl Gomez) heißt und die Fähigkeit besitzt, durch Multiversen zu reisen. Allerdings findet genau das nicht jeder gut, und so ist sie ständig auf der Flucht. Als Stephen Strange dann auch noch Hilfe bei einer alten Freundin, Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) , sucht, stellt sich diese als bösartige Scarlet Witch heraus. Und diese Scarlet Witch hat es auf das Multiversen bereisende Mädchen aus den Träumen des Doctors abgesehen.


Kritik zu Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Ich muss eins gestehen: Ich habe weder alle Marvel-Filme noch die neuen Disney-Plus-Serien aus dem Franchise gesehen. Das heißt, ich hatte, bevor ich mir diesen Film zu Gemüte führte, keine Ahnung, was aus Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) und vor allem aus Wanda nach Avengers: Endgame geworden ist. Und diese Vorabbemerkung ist meiner Meinung nach sehr wichtig:

Doctor Strange 2 funktioniert auch für all jene wie mich, die eben nicht jeden Film des MCU gesehen haben. Aber es gibt eine große Einschränkung: Für alle Marvel-Fans, die sich wirklich alles aus dem Universum anschauen, wird er besser funktionieren. Man weiß einfach viel genauer, wo einzelne wichtige Figuren gerade im Leben stehen, versteht die Beziehungen unter ihnen besser und wird einfacher vom Film mitgenommen.

Trotzdem kann sich eigentlich jeder den Film ansehen, denn prinzipiell ist die Geschichte recht einfach gestrickt. Das Plotdevice und gleichzeitig McGuffin des Films ist America Chavez, sie wird von Multiversums-Monstern und später auch von Scarlett Witch verfolgt, die alle ihre Macht missbrauchen wollen. Doctor Strange will das mit seinen Freunden verhindern. Mehr gibt es zur Story eigentlich nicht zu sagen. Und viel mehr wird im Film auch nicht erzählt.

Hauptmotivation aller Charaktere ist entweder das Beschützen des McGuffin (America Chavez) oder das Töten bzw. Beseitigen von ebenjenem. Wobei, über eine wichtige Frage, die der Film meiner Meinung nach aufwirft, aber gar nicht selbst beantwortet, sollte mal diskutiert werden: Welcher moralische Kompass berechtigt Superhelden wie Doctor Strange eigentlich dazu, sich als „gut“ zu bezeichnen? Im Film wird an mehreren Stellen erwähnt, welch schreckliche Dinge Superhelden, allen voran Doctor Strange, zu verantworten haben. In einem der Multiversen etwa zeichnet sich der Protagonist des Films für die Auslöschung eines gesamten anderen Multiversums aus, mitsamt aller Bewohner von diesem.

Vordergründig handelte Strange dabei moralisch korrekt, weil er ja ein Superheld ist und somit scheinbar Vorschusslorbeeren genießt. Der Kampf gegen Thanos schien in diesem Multiversum schon fast verloren zu sein, also versucht Strange fieberhaft, eine Lösung für das riesige Problem zu finden. Allerdings scheitert er dann.

Was jedoch noch viel interessanter ist als der Fakt, dass ein Superheld aufgrund seiner vermeintlichen moralischen Überlegenheit präventiv ganze Universen vernichten kann, ist etwas anderes: Nachdem einige der Superhelden aus dem Multiversum von Doctor Strange und seinen Taten erfahren haben, töten sie ihn, stellen es aber in der Öffentlichkeit dar, als wäre er den Heldentod im Kampf gegen Thanos gestorben.

Solch einen Vorgang kann man auch auf unsere Welt übertragen: Polizisten werden von vielen Menschen als moralische Vorbilder begriffen, stellen das Bild von Recht und Ordnung dar. Allerdings wurde ja in den letzten Jahren immer wieder öffentlich, dass es in der deutschen Polizei auch rechtsextreme Netzwerke gibt. Dass manchmal gar Foltermethoden angewendet werden, um aus unliebsamen Gestalten Geständnisse zu entlocken.

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Doch in den allermeisten dieser Fälle verschweigt oder dementiert die Polizei solche Vorgänge. Noch extremer ist das in den USA, wo beinahe täglich Polizeigewalt aufgedeckt wird. Konsequenzen für dieses falsche Handeln gibt es aber fast nie. Und so ähnlich verhält es sich auch bei den vermeintlich moralisch überlegenen Superhelden, die durch ihren Status Vorschüsse genießen und alles Negative verschwiegen werden sollte.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch, wie wenig wir in über 25 Marvel-Filmen eigentlich über das Innere unserer Superhelden erfahren haben, dass über die oberflächliche „Coolness“ hinaus geht. Captain America, Captain Marvel, Thor und Co. Sie alle scheinen nie persönliche Probleme zu haben, wie sie „normale“ Menschen besitzen. Sie alle scheinen sich nie schlecht zu verhalten. Uns wird ein oberflächliches Bild des Idealen Bürgers der neoliberal-kapitalistischen Gesellschaft gezeichnet, der nie aufmuckt und sich doch bitte immer moralisch perfekt verhalten sollte.

Auch Doctor Strange in the Multiverse of Madness dekonstruiert dieses Bild von Superhelden nicht. Zwar zeigt er Ansätze, es zu kritisieren, doch wagt sich nie hinter die Kulissen der Superheldenmaske. Denn die Hauptgeschichte ist, wie schon gesagt, wie aus der Marvel-Schablone geschnitten. Hier ist nichts überraschend, nichts gewagt, nichts spektakulär.

Warum ich den Film trotzdem für einen der besten Filme im MCU halte, liegt darin begründet, wie diese einfache und vorhersehbare Geschichte inszeniert wird. Denn, das habe ich ja auch schon ganz am Anfang erwähnt, der Film ist von Sam Raimi. Wer den Regisseur von Kultklassikern wie Evil Dead, Army of Darkness oder natürlich der ersten Spiderman-Triologie nicht kennt, dem dürften in Doctor Strange 2 aber vermutlich trotzdem zahlreiche kreative Herangehensweisen an die Inszenierung des Films auffallen, die eindeutig die Handschrift von Raimi tragen.

sam raimi doctor strange 2
Der Regisseur des Films, Sam Raimi, trägt viel zur Qualität bei und besticht durch seinen ganz eigenen Stil.

Das fängt schon bei der Gestaltung der Multiversen auf. Zwar sehen wir viele von ihnen nur für wenige Bruchteile einer Sekunde, aber wir erkennen das Potenzial dahinter. Und dann fängt Doctor Strange in the Multiverse of Madness auch noch an, ein wenig an die Horror-Vergangenheit des Regisseurs anzuknüpfen. Ganz unterwartet und untypisch für einen Marvel-Film. Und da schöpft Raimi dann im letzten Drittel des Films sein volles Potenzial aus. Ich will nicht zu viel verraten, aber hier werden einige der kreativsten Einfälle, die Marvel seit Jahren hatte, verarbeitet.

Trotz einiger Schwächen im Drehbuch kann der Film also durch kreative Einfälle glänzen. Dabei reicht er allerdings nicht an einen anderen Multiversums-Film, der gerade in den Kinos läuft, heran: Everything Everywhere All At Once von den Daniels schöpft die Idee von Multiversen, die ja theoretisch unendlich viele Möglichkeiten für kreative Einfälle aufweisen, nochmal deutlich besser aus. Denn in Doctor Strange in the Multiverse of Madness befinden wir uns nicht, wie der Filmtitel es vermuten lässt, in unzähligen Universen, sondern eigentlich nur in zwei: in unserem eigenen Universum und in einem anderen Multiversum. Das wars. Klar, es wird ganz viel angedeutet. Aber vollumfänglich erleben können wir die vielen Multiversen nicht.

Und trotzdem hat zumindest mir der Film sehr gefallen, weil er eben mal ein paar neue Ideen ins sonst so gleiche Marvel-Franchise bringt. Vor allem nach Avengers: Endgame ist da ja eine Lücke entstanden, die für mich bisher kein Film der Phase vier füllen konnte. Allen voran Eternals, der ja sozusagen spirituelle Nachfolger der Avengers, ist für mich vollumfänglich gescheitert. Aber auch Shang Chi, Black Widow und zuletzt Spiderman: No Way Home haben mich nicht ganz überzeugen können.


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Mit dem neuen Doctor Strange setzt Marvel immerhin mal neue Impulse, auch wenn sich niemand diesen Film mit der Erwartung, eine tolle Geschichte erleben zu können, ansehen sollte. Auch die Charaktere, bis auf Strange selbst und Wanda, bleiben zunächst sehr blass und entwickeln sich meiner Einschätzung nach auch im Verlauf des Films nur ungenügend. Die Dynamik zwischen Doctor Strange und Wanda Maximoff, sowohl in ihrer normalen Form als auch als Scarlet Witch, konnten mich da schon sehr viel mehr begeistern. Hier treffen zwei hervorragende Schauspieler aufeinander und gerade Elizabeth Olsen glänzt in ihrer Doppelrolle.

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Auch die Kameraarbeit muss ich bei diesem Film herausstellen. Und das ist für Marvel-Verhältnisse schon etwas besonderes. Hier zeigt sich ganz eindeutig die Feder von Sam Raimi, der ja unter anderem mit Evil Dead und den verrückten Kamerafahrten da berühmt wurde. Das setzt er jetzt auch im Marvel-Kosmos fort. Und trotzdem konnte ich den Eindruck nicht ganz verlieren, dass Raimi für den Film noch viel verrücktere Ideen hatte, aber irgendwo ein Studioboss saß und ihn in die Schranken gewiesen hat.

Marvel muss ja schließlich ab 12 Jahren funktionieren und sollte auch nicht zu verrückt sein, um den Mainstream nicht abzuschrecken. Das merkt man im Film etwa immer dann, wenn man eigentlich erwartet, dass jetzt das Blut fließen und die Organe spritzen müssten. Der Film zeigt das aber ganz bewusst nicht. Eine vertane Chance, an der man merkt, dass Sam Raimi wohl nicht ganz von der Leine gelassen wurde. Auch die musikalische Untermalung ist marveltypisch wenig spektakulär und vor allem wenig erinnerungswürdig.

So, jetzt will ich aber noch mit einem abschließenden Positivpunkt diese Kritik beenden: Die Computereffekte sehen bis auf wenige Ausnahmen wirklich hervorragend aus und das Zusammenspiel von CGI mit Kostümdesign und Make-Up trumpfen in diesem Film auf. Zwar wirkt alles etwas künstlich, wie aus einem Comic, der real geworden ist. Aber das ist für eine Comicverfilmung ja eigentlich nichts schlechtes, oder?

Fazit & Bewertung

Doctor Strange in the Multiverse of Madness lohnt sich richtig! Und noch mehr lohnt sich der Film für Marvel-Fans und Leute, die eh schon ein Disney-Plus Abo besitzen. Ein Marvelfilm, der sich inszenatorisch endlich mal wieder mehr traut als der sonstige Einheitsbrei und dem man den Anstrich des Regisseurs Sam Raimi wirklich anmerkt. Auch die Effekte sind im Zusammenspiel mit realen Kostümen und Make-Up hervorragend gelungen.

Allerdings können nicht alle Marvel-Krankheiten in Doctor Strange 2 geheilt werden. Das Drehbuch bleibt genauso auf der Strecke wie die meisten Charakterentwicklungen. Das können die Schauspieler mit ihren guten bis sehr guten Leistungen zwar meistens irgendwie kompensieren, ein getrübter Eindruck entsteht aber trotzdem. Und dennoch: Ich empfehle den Film jedem! Denn Spaß hatte ich trotz so mancher Schwächen über die zwei Stunden Laufzeit fast durchgängig!

3.5 out of 5 stars


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Doctor Strange in the Multiverse of Madness gibt es seit 22. Juni 2022 auf Disney Plus.

© Copyright aller Bilder bei Disney.


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