Don’t Look Up Filmkritik: Der beste Film des Jahres!


Mit Don’t Look Up hält Adam McKay unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Einen oft plumpen, wenig subtilen Spiegel, aber einen Spiegel, den wir bitter nötig haben.

Um was geht’s?

In einer nicht allzu fernen Zukunft entdecken Astrologen, dass ein riesiger Komet auf die Erde zurast. Und dass dieser Komet die Erde, wie wir sie kennen, vollkommen unbewohnbar machen wird. Was tut man also als Wissenschaftler mit begrenzten Mitteln. Genau, man wendet sich an die Politik und hofft, dass man dort entsprechende Maßnahmen umsetzt, um im besten Interesse der gesamten Weltbevölkerung zu handeln. Was aber passiert, wenn die Politik fast nur aus korrupten und egozentrischen Arschlöchern ala Donald Trump besteht?

Don’t Look Up erzählt eine Geschichte, wie sie auch in unserer Realität geschehen könnte. Und die von Politikern, aber auch der Zivilgesellschaft, allumfassend ignorierte oder heruntergespielte Gefahr des Kometen lässt sich auf so vieles in unserer Realität übertragen. Dass Adam McKay gute gesellschaftskritische Filme machen kann, hat er ja schon mit The Big Short oder zuletzt Vice bewiesen.

Und trotz des Hammercasts mit u.a. Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Jonah Hill oder Ariana Grande, hätte ich kaum erwartet, dass dieser Film so viel in mir auslöst. Und schon gar nicht, dass er mein Film des Jahres sein könnte. Doch genau so ist es geschehen. In meiner Kritik will ich versuchen, zu erklären, warum.

Filmkritik

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„Die traurige Wahrheit ist: Die da oben sind nicht mal schlau genug, um so Böse zu sein, wie ihr glaubt, dass sie sind“. In etwa so entkräftet die Wissenschaftlerin Kate (Jennifer Lawrence) vor einer Gruppe Jugendlicher eigentlich sämtliche Verschwörungstheorien, die von einer weltweit operierenden Elite ausgehen, die alles kontrolliert. Denn ja, es ist wahr: Viele Politiker, Unternehmer, Medienmenschen und sonstige Personen, denen man Macht zuschreibt, um sie zu missbrauchen, sind überhaupt nicht in der Lage, einen Plan auszuarbeiten, der eine weltweite Verschwörung möglich machen würde.

Und diesen Fakt, mag man ihn nun traurig finden, weil er aufzeigt, wie inkompetent vermeintlich mächtige Menschen doch oft sind, oder gut finden, weil er eine große Verschwörung ganz unmöglich macht, porträtiert der neue Netflix-Blockbuster so gut wie kaum ein anderer Film. Die Politiker und ihre Berater in diesem Film sind vollumfänglich inkompetent und machthungrig. Die Präsidentin der Vereinigten Staaten, verkörpert von Meryl Streep, stellt ein Spiegelbild von Donald Trump dar. Ihr Berater Jason (Jonah Hill) wirkt wie eine 1:1 Kopie vom Sohn des Ex-Präsidenten.

Was ich damit sagen will: Don’t Look Up ist selten subtil, schreit seine Botschaften dem Zuschauer förmlich ins Gesicht. Und trotzdem schafft es der Film, noch lange nach dem erstmaligen Sehen über ihn nachzudenken. Mir ist schon während des Sehens schlecht geworden ob der vielen Parallelen zur Realität. Man fühlt sich einfach ständig unwohl, weil die Realität die Fiktion dieses Films eigentlich schon eingeholt hat. Und dann kann man eben auch sehr schnell wütend werden über eine Präsidentin und ihren Beraterstab, die den Kampf gegen den Kometen daran knüpfen, wie viel Prozent das in den Wahlumfragen bringen könnte. Oder die beiden Nachrichtenmoderatoren, die eine globale Notsituation aufbereiten wie eine Boulevard-Schlagzeile.

Der neue Adam McKay Film hat mich politisch stark emotionalisiert und wütend gemacht, wenn man das so sagen kann. Und das haben dieses Jahr wenige Filme, und keiner so wie Don’t Look Up. Was ich auch so spannend und gleichzeitig faszinierend an dem Streifen finde, ist wie unterschiedlich er nicht nur von Kritikern aufgenommen wird, sondern auch von verschiedenen Teilen der Welt.

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Während ihn in den USA viele für seinen Antiamerikanismus verabscheuen, erkennen ebenfalls viele dort die unzähligen Parallelen zu ihrer Realität, die noch viel näher ist als z.B. in Europa. In den USA gab es bis vor einem Jahr einen Präsidenten, dem man nachsagte, bis zum Mittagessen fern zu sehen und seine Entscheidungen von der Tagesstimmung abhängig zu machen. Dort hat man erfahren, was es bedeutet, wenn kein Politiker mehr der Wissenschaft zuhört. Dort kennt man auch die absolut populistischen Wahlkampfparolen, die der Film parodiert.

All das ist in Europa hingegen bis jetzt noch weniger stark ausgeprägt. Und trotzdem gibt der Film auch hier Parallelen zur Realität her: Querdenker, Rechtspopulisten, Klimawandelleugner oder neoliberale Extremisten bleiben von Don’t Look Up nicht verschont. Und wenn dann auch noch eine Karikatur von Elon Musk in Form des verblendeten Milliardärs Peter Isherwell (Mark Rylance) auftritt, die einen „Feel Good“-Kapitalismus propagiert, traut sich dieser Film etwas, was sich nur wenige Hollywood-Produktionen trauen: Er stellt unser Wirtschaftssystem in Frage.

Zwar wird im Film nie explizit erwähnt, dass der Kapitalismus in seiner ganzen Absurdität an vielen Missständen schuld ist. Aber es zeigt sich mehr als deutlich, dass der Film eben das implizieren will. So soll etwa der Komet, der die Erde auslöschen könnte, nicht zerstört, sondern in kleine Teile gesprengt werden. Das würde zwar immer noch immensen Schaden anrichten, aber man hat ja wertvolle Erze im Inneren des Kometen entdeckt.

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Und so schlägt der Milliardär Peter, der übrigens auch Sponsor des Wahlkampfes der Präsidentin war, vor, dass eine Teilsprengung die soziale Ungleichheit auf der Welt endlich beenden kann. Denn so viele wertvolle Erze könnten abgebaut, neue Produkte hergestellt und viele, viele Jobs geschaffen werden. Natürlich hat die Verkörperung des Neoliberalismus nur eines im Sinn: Seine eigene Bereicherung und die einiger weniger Großkonzerne, während man gleichzeitig die gesamte Erde vor das Risiko stellt, ausgelöscht zu werden. Wer nicht wahrhaben will, dass diese Entscheidungen großer Konzernbosse durchaus sehr realistisch sind, der muss nur mal nach Amerika schauen:

Dort sind vor Kurzem mehrere Personen gestorben, weil Amazon ihnen nicht erlaubt hat, während eines Tornados ihre Arbeit niederzulegen. Auch Tesla-Chef Elon Musk sah es am Anfang der Corona-Pandemie vor knapp zwei Jahren nicht ein, warum man jetzt die Fabriken seiner Elektroautos schließen sollte und setzte damit das Leben seiner Mitarbeiter aufs Spiel. Es gibt noch unzählige weitere Beispiele und sie alle lassen nur einen traurigen Schluss zu: Der Kapitalismus geht für Profite über Leichen.

Ok, ok, ich weiß. Ich habe mich jetzt sehr ausführlich auf inhaltlicher Ebene mit dem Film auseinandergesetzt. Denn auf dieser Ebene funktioniert er am besten. Doch was ist mit den Schauspielern? Wie gut sind die eigentlich? Um es kurz zu machen: Fast alle Darsteller im Film machen einen grandiosen Job und stehlen sich manchmal gar gegenseitig die Show. Meryl Streep schafft es auf unglaubliche Weise, dass wir als Zuschauer die von ihr verkörperte Präsidentin hassen. Leonardo di Caprio spielt auf gewohnt hohem Niveau und sticht durch einzelne Szenen mal wieder heraus. Und selbst Ariana Grande, die ja eher als Musikerin denn als Schauspielerin Bekanntheit erlangte, spielt ihre Rolle fast perfekt und oft sogar erfrischend selbstreferenziell.

Dont look up Timothee Chalamet

Auch der Hauptplot rund um die Herausforderungen von Wissenschaftskommunikation in unserer von Social Media, korrupten Politikern und geldgeilen Konzernbossen geprägten Welt funktioniert. Was man von einem der Nebenplots rund um di Caprio und seine Beziehungen nicht sagen kann. Hier merkt man, dass das Drehbuch doch zu stark in alte Normen abfällt und neben einer mitreißenden Hauptgeschichte dann doch noch ein irrelevantes Beziehungsdrama mit in den Film einweben muss. Doch im Großen und Ganzen funktioniert auch das Drehbuch.

Schnitt, Sound und Action funktionieren ebenfalls, sind aber weder etwas besonderes noch spielen sie eine herausragende Rolle im Film. Don’t Look Up lebt viel mehr von seiner Geschichte und den Charakteren. Da mag mancher jetzt zurecht sagen, dass Adam McKay kein Meister des Subtilen ist. Zurecht. Don’t Look Up ist vielmehr eine laute und schreiende Abrechnung mit unserer momentanen Gesellschaft. Und genau so funktioniert der Film auch.

Manch einer würde gar soweit gehen und den Film ob seiner Fokussierung auf ein Feindbild zu kritisieren. Der Einschlag des Planteten soll verhindert werden. Da ist sich die Wissenschaft einig. Genau wie beim Klimawandel. Der muss auch aufgehalten werden. Im Film scheitert das aber an einer Politik, die lieber wegguckt. Die die Augen verschließt vor einer realen Gefahr, und lieber die fiktive Gefahr der Wissenschaftler, die davor waren, aufbauscht. Das Narrativ ist klar: Böse Politiker, die sozialen Medien und große Konzerne führen zum Untergang der Welt.

Doch was, wenn selbst vernunftbegabte Politiker und eine aufgeklärte Bevölkerung das Schlimmste nicht verhindern könnten? In Deutschland regiert seit einigen Wochen eine neue Regierung. Eine Regierung, der man die Adjektive progressiv oder modern gerne zuschreibt. Eine Regierung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den menschengemachten Klimawandel zu stoppen. Und eine Regierung, deren Koalitionsvertrag trotzdem nicht ausreicht, um die Klimakatastrophe zu verhindern.

Fazit

Der Netflix-Hit trumpft mit einem Hammercast, zitatwürdigen Dialogen und einer spannenden Inszenierung auf. Natürlich bringt er seine Botschaften nicht sehr subtil unter, man könnte gar sagen, dass er zu offensiv agiert und dabei manchmal vergisst, dass er noch ein Film ist. Auch die Action, der Soundmix und die Kameraarbeit sind wenig innovativ.

Don’t Look Up ist kein perfekter Film. Für manch einen mag er sogar weit davon entfernt sein. Trotzdem ist dieser Film wie ein schreiender Spiegel unserer Gesellschaft. Er ist wenig subtil, vielleicht auch oft plump. Aber er ist genau die frustrierende Abrechnung mit einer Gesellschaft, die es nötig hat.

Bewertung: 5 out of 5 stars

Wie fandet ihr den Film? Genauso gut wie ich? Schreibt es gerne in die Kommentare. Meine letzte Kritik zum Film Pig findet ihr übrigens hier.


3 Gedanken zu „Don’t Look Up Filmkritik: Der beste Film des Jahres!

  • 6. Januar 2022 um 22:18
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    Ich stimme weder damit überein, den Film plump zu nennen, noch möchte ich ihn vor den Karren der Klimapaniker gespannt sehen. Stattdessen halte ich ihn für eine extrem unterhaltsame bitterböse Medien- und Politiksatire. Exemplarisch wird vorgeführt, wie ernste Fakten in der Kakophonie der Massenmedien und sozialen Netzwerke hinter Äußerlichkeiten, Beschwichtigungen und Selbstdarstellung zurückgedrängt werden und von der Politik erst unter dem Druck, von Skandalen, Wahlkampf und wirtschaftlichen Interessen schlampig aufgegriffen werden.
    Über den insgesamt großartigen Cast, der auch noch bestens abliefert, braucht man nicht viele weitere Worte zu verlieren. Herausragend gefielen mir Meryl Streep und Jonah Hill, auf Timothée Chalamet hätte ich hingegen auch problemlos verzichten können.
    Votum: Klare Sehempfehlung. Alleine hierfür lohnt sich ein Monat Netflix auch für Nichtabonnenten.

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    • 10. Januar 2022 um 20:12
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      Ich kann dir größtenteils echt zustimmen, der Cast ist großartig und natürlich ist der Film, und das hat der Beitrag von Lukas auch deutlich gemacht, eine Medien- und Politiksatire. Lukas geht ja sogar noch weiter und bezeichnet ihn quasi als kapitalismuskritische Satire auf unsere Gesamtgesellschaft. Deswegen verstehe ich auch nicht, warum du den Film nicht vor den „Karren der Klimapaniker“ gespannt sehen willst. Zunächst mal klingt das sehr nach einem Narrativ, dass v.a. Klimawandelleugner benutzen würden. Zum anderen ist ja wohl die offensichtlichste Methaper des Films der Klimawandel in Form des Kometen, der die Erde zerstören wird. Unds genau wie bei uns in der Realität verschließen die Politiker die Augen!
      Ich finde die Filmkritik fast perfekt auf den Punkt gebracht. Vielen Dank!

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      • 11. Januar 2022 um 17:28
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        Erstmal danke für eure Kommentare! Ich kann da eigentlich nur Sophies Kommentar zustimmen. Klimawandel und der Umgang mit ihm ist definitiv ein wichtiger Themenschwerpunkt des Films. Vielleicht mögen manche Menschen nicht einsehen, dass Filme eigentlich IMMER auch politische bzw. zeitgeschichtliche Zeugnisse sind. Genau deshalb versuche ich mich hier auf dem Blog auch ideologiekritisch mit den einzelnen Werken auseinanderzusetzen. Wer einfach nur eine Punktzahl zu einem Film will, der kann auch auf imdb oder sonstwo nachschauen.

        Antwort

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