Everything Everywhere All At Once Kritik: Multiversum der Euphorie


Ein langer und zungenbrecherischer Titel und trotzdem einer der besten Filme seit Jahren: Das ist Everything Everywhere All At Once von den Daniels!

Um was geht’s?

Obwohl der Titel des Films erstmal ganz anderes vermuten lässt, startet Everything Everywhere All At Once eigentlich recht bodenständig: Die Waschsaloon-Besitzerin Evelyn Wang (Michelle Yeoh) hat Probleme mit dem Finanzamt, weil sie ihre Steuern nicht richtig bezahlt hat. „Was, ein Film über Steuererklärungen? Geh mir weg damit!“ werden jetzt vermutlich einige Leser denken. Aber das ist nur der Anfang einer der verrücktesten, coolsten und emotionalsten Filme, die ich seit langem im Kino gesehen habe.

Denn relativ schnell stellt sich heraus, dass Evelyn nicht nur in einer Welt existiert, sondern in abertausenden. Das Multiversum, wie es ja jetzt in immer mehr Filmen eingeführt wird (ich schaue auf dich, Marvel), gibt es auch in diesem Film. Und ihr eigentlich tollpatschiger Ehemann Waymond Wang (Ke Huy Quan), den viele vielleicht noch aus seinen Kindheitstagen in Indiana Jones kennen, stellt sich als universenbereisender Actionheld heraus, der die Aufgabe hat, die richtige Evelyn – es gibt ja schließlich tausende – für einen ganz bestimmten Job zu finden:

Die Rettung des Universums. Jap, nicht mehr und nicht weniger. Und auf dieser Reise begleiten wir jetzt Evelyn, ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu) und ihren Ehemann Waymond. Das die Rettung des Universums nicht so einfach ist und man sich auch mit ganz verschiedenen persönlichen Problemen rumschlagen muss, erfährt Evelyn dann im Laufe des Films, der eine faszinierend unterhaltsame Reise voller Emotionen, Action und verrückter Einfälle ist. Meine Kritik zum Film lest ihr jetzt.

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Kritik

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Multiversen sind ja gerade der heiße Scheiß. Das Marvel Cinematic Universe wird zum Multiversum, bei DC ist das eh schon Standard. Aber so ein Multiversum wie in Everything Everywhere All At Once habt ihr bestimmt noch nicht gesehen. Denn das, was das Regie-Duo aus Daniel Scheinert und Daniel Kwan hier erschaffen hat, ist einzigartig. Die beiden sind durch ihren durchgenknallten Film „Swiss Army Man“ bekannt geworden und haben sich auch schon mal an Multiversen versucht:

In ihrem Kurzfilm Possibilia geht es in 6 Minuten um eine zerbröckelnde Beziehung zweier Menschen- eingefangen und erzählt aus unzähligen Perspektiven, mit Millionen von möglichen Enden für eben diese Beziehung. Und der Zuschauer konnte das Ende auch noch mitbestimmen. Mit Everything Everywhere All At Once gehen die Daniels jetzt einen etwas konventionelleren Weg und etablieren eine Welt, in der Evelyn Wang, eine Immigrantin in Amerika, Probleme mit den Steuern hat.

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Und ihre Familie steht ihr dabei eigentlich nur im Weg. Der Ehemann ist tollpatschig und irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Die Tochter distanziert sich immer mehr von ihrer Mutter und der Großvater der Familie kommt mit seinem neuen Leben in der Großstadt auch nicht zurecht. Doch als Evelyn dann dem Ebenbild ihres Mannes aus einem anderen Universum begegnet, ändert sich alles und sie erfährt ihr Leben aus ganz neuen Perspektiven.

Und dieses Leben wird unglaublich kreativ in Szene gesetzt: Mal ist Everything Everywhere All At Once ein Martial-Arts Film wie er im Buche steht, mal ein Familiendrama, mal ein Science-Fiction-Kracher und wieder ein anderes Mal eine Zeichentrickgeschichte. Durch seine Thematik bieten sich dem Streifen so viele Möglichkeiten und die Daniels wissen um dieses Potenzial. Und nutzen es in 139 Minuten voll und ganz aus.

Die Regel der Multiversen aus diesem Film ist eigentlich ganz einfach: Jede noch so kleine Entscheidung kann einen immensen Einfluss nicht nur auf das persönliche Leben von Evelyn, sondern auf die ganze Welt um sie herum haben. Da ist sie dann eben in einem Universum ein Filmstar und im anderen haben alle Menschen statt Finger Würste. Was erstmal banal klingt, zeugt doch von einer gewissen Tiefe: Wer hat sich nicht schon mal die Frage gestellt, wie das eigene Leben wohl verlaufen wäre, wenn man diese oder jene Entscheidung anders getroffen hätte.

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Gerade in der heutigen Zeit, in der man durch das Internet und Social Media ständig Einblick in das Leben anderer Menschen bekommt, fragt man sich doch, wie das eigene Leben wohl in einer alternativen Realität aussehen würde? Und wie diese Realität sich auch in anderer Weise von der jetzt gerade eigenen unterscheiden würde: Würde man andere Beziehungen pflegen, die Familie vernachlässigt haben oder ganz andere Freunde finden? Was sich normale Menschen nur in ihren Träumen vorstellen können, erlebt Evelyn im Film hautnah.

Und obwohl die Thematik des Films im ersten Moment abstrus wirkt und bei genauerem Nachdenken darüber ja auch ist, verkauft uns Everything Everywhere All At Once seine Prämisse richtig gut. Zu keinem Zeitpunkt hinterfragt man die Mechaniken des Multiversums, weil der Film sie auch nicht hinterfragt. Er etabliert bestimmte Regeln, wie durch die zahlreichen Universen gereist werden kann und bricht damit nie. Es kommt trotz der absurden Ausgangssituation nie ein Zweifel auf, warum das denn überhaupt alles so funktioniert, wie es funktioniert. Dass der Film die Mechanik nicht „über-erklärt“ und auch nicht zu ernst nimmt, trägt dazu ebenfalls bei.

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Und nicht zuletzt machen die Schauspieler ebenfalls einen hervorragenden Job. Sie müssen hier nicht nur in eine Rolle, sondern unendlich viele schlüpfen. Gerade Stephanie Hsu (Shang Chi), die Tochter von Evelyn, ist mir da besonders in Erinnerung geblieben. Sie bekommt nämlich nicht nur eine Rolle im Multiversum, sondern gleich noch eine ganz besondere andere Doppelrolle. Aber dazu möchte ich nicht zu viel verraten. Denn wie auch für den Film allgemein gilt bei den Charakteren: Je weniger ihr vor dem Kinobesuch wisst, desto besser.

Everything Everywhere All At Once lebt von seinen Überraschungen, faszinierenden und kreativen Welten und spannenden Geschichten. Da werden selbst zwei schweigende Steine mit Kulleraugen zum potenziellen Tränchen-Kuller-Moment. Und das beste ist: Obwohl sich der Film der Daniels an so vielen Genres bedient, verliert er sein Innerstes nie aus den Augen. Denn im Kern ist Everything Everywhere All At Once ein herzergreifendes Familiendrama über eine Familie, die vor vielen Zereißproben steht.

Das Mittel der Multiversen wird eingesetzt, um die vielen Probleme der Protagonistin aufzuzeigen und sie ihre Beziehungen und die Welt um sie herum reflektieren zu lassen. Und genauso geht es dem Zuschauer bei der Reise durch die vielen Welten des Films. Keine ist wie die andere, keine erzählt die gleich Geschichte wie die andere, keine Welt wird von den gleichen Charakteren bewohnt. Zum Ende hin wird der Film dann zwar etwas kitschig, mir hat der ganze Weg bis dorthin aber so gefallen, dass mich auch das Ende letztendlich mitgerissen hat.

Everything Everywhere All At Once Szenenbilder

Was die Daniels hier abliefern, ist nichts weniger als einer der besten Filme der letzten Jahre. Was sie mit einem relativ kleinen Budget erschaffen haben, müssen all die Marvel- und DC-Filme mit ihren Multiversen erst mal nachmachen. Denn auch wenn dies bei Weitem kein Actionfilm ist, so sind die Szenen, in denen sich die Charaktere gegenseitig verprügeln, doch mit einem Fingerspitzengefühl inszeniert, dass man so auch bei einem der Jackie Chan-Klassiker erwarten würde. Allgemein ist der Film mehr ein Streifzug durch unterschiedlichste Filmgenres und auch Filmstile als alles andere. Und verliert dabei aber nie den Fokus rund um die emotionale Geschichte und die wunderbar erzählten Charaktere.

Darüber hinaus wissen die Daniels, mit der Kamera und dem Sound des Films zu spielen. Wenn in manchen Momenten rein gar nichts passiert und dann eine Kleinigkeit verändert wird, ist die Inszenierung dahinter einfach großartig. Aber wie gesagt: Ich könnte hier Stunden jede einzelne Szene des Films aufzählen, die genial ist, aber man sollte sich dieses Meisterwerk einfach selbst im Kino ansehen. Dann versteht man die Faszination, die zumindest ich bei diesem Film entwickelt hat, vielleicht auch besser.

Und wie nur selten in meinen Kritiken muss ich hier auch mal die Arbeit des Filmeditors Paul Rodgers (The Death of Dick Long) besonders herausstellen. Denn der ist maßgeblich für das Gefühl, die Atmosphäre, ja gar die Rauschhaftigkeit einzelner Szenen verantwortlich und komplettiert das Kunstwerk durch seine Schnitte, seine Übergänge, seine Machart erst so wirklich. Ein ganz großes Lob an dieser Stelle für einen Job, den man bei Filmen gerne mal übersieht oder vergisst.

Fazit & Bewertung

Hat Everything Everywhere All At Once also keinerlei Schwächen? Ist der Film perfekt? Wie immer gilt auch hier: Nichts ist perfekt. Die Musikuntermalung hätte hier manchmal etwas mehr im Vordergrund stehen sollen, vor allem anfangs hat der Film Pacingprobleme und das etwas zu kitschige Ende mag nicht jedem gefallen. Doch all das ist Meckern auf hohem Niveau. Denn was man genauso sagen muss: Der Film macht fast alles richtig!

Obwohl er sich, wie ich ja mehrmals geschrieben habe, großzügig an anderen Filmen und Filmgenres bedient, verliert er nie seine tragische, aber auch berührende Familiengeschichte aus den Augen. Und diese Familiengeschichte erzählt er durch das Mittel von Multiversen so unglaublich kreativ, dass man ihn einfach lieben muss. Für mich ist dieser Film glasklar eine Empfehlung wert und wird sicherlich im Ranking der besten Filme 2022 ganz weit oben auftauchen.

4.5 out of 5 stars

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Der Film läuft seit 28.04.2022 im Kino.

© Copyright aller Bilder bei A24.


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