Free Guy Kritik: Uninspiriertes Disney-Chaos

Free Guy spielt in einer Videospielwelt und wir begleiten den von Ryan Reynolds gespielten Guy auf seiner Reise der Emanzipation und Selbstfindung. Leider artet der Film zu sehr in Disney-Kitsch aus.

Um was geht’s?

Der von Ryan Reynolds (Deadpool, Crazy Stupid Love) gespielte Guy (ja, der heißt wirklich so) ist ein NPC in einem Videospiel (NPC= Nicht-Spieler-Charakter, also die Leute, die im Hintergrund von Games von einer KI gesteuert werden). Jeden Tag wacht er in seinem Apartment in einer an New York erinnernden Stadt namens Free City auf. Vor dem Frühstück wird der Goldfisch gegrüßt, bevor immer das gleiche Müsli gegessen wird.

Danach begibt sich Guy auf den Weg zur Arbeit, wo er von seinem Freund und Sicherheitsbeamten der Bank in Empfang genommen wird. Guy lebt das Leben eines Hintergrundcharakters in einem Videospiel, der, sollte er von einem Spieler getötet werden, seinen Tagesrhythmus wieder von vorne beginnt. Tagein, tagaus.

Bis er eines Tages auf „MolotovGirl“ trifft, die eine echte Spielerin ist und der er nacheifern will, um aus seinem langweiligen Leben und den immergleichen Missionsszenarien eines Videospiels zu entfliehen. Obwohl er nur programmiert ist, entwickelt Guy eine eigene Wahrnehmung und versetzt den Chef der Entwicklungsfirma hinter dem Spiel, in dem Guy einen NPC spielt, ganz schön in Panik.

Nur was für echte Gamer!

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Free Guy lebt von seinen Videospielanspielungen, die mal mehr und mal weniger gelungen sind. (Quelle: Disney)

Wer Free Guy guckt, wird schnell feststellen, dass viele Begriffe und Handlungselemente des Films ganz klar im Videospieljargon zu verordnen sind. Viele Begriffe und Anspielungen werden für Nicht-Gamer kaum zu verstehen sein und vom Film auch nicht weiter erklärt. Das ist erfrischend, weil es eben unüblich ist und in vielen Filmen sich ebendas nicht getraut wird. Den Mut, Insider für das Nerdtum und die Gamingkultur nicht endlos auszuerklären, sondern einfach mal für sich stehen zu lassen, ist lobenswürdig.

Leider wird mit den Anspielungen im Laufe des Films des Öfteren mal übertrieben. Da kann es dann auch mal vorkommen, dass manche Witze einfach nicht zünden und den Zuschauer eher mit einem ratlosen Blick zurücklassen. Aber Humor ist bekanntlich subjektiv. In Free Guy hat er mir oft gefallen, oft aber auch nicht. Insgesamt habe ich aber wohl öfter geschmunzelt als gelacht, weil die Gags nicht sonderlich intelligent und die Insider vor allem gegen Ende doch etwas too much werden.

Da bewirft einem Free Guy dann mit Anspielungen zu bekannten Disney-Franchises, weil der Film von ebendiesem Mäusekonzern produziert wurde. Und dann leistet man sich halt mal das Schild von Captain America oder das Lichtschwert aus Star Wars, einfach, weil man die Markenrechte besitzt und damit natürlich eine Cross-Promo der Extraklasse erzeugt, die bei mir aber eher weniger gut ankam. Klar, ich bin riesiger Star Wars Fan, aber in diesem Film wirkten die Anspielungen darauf eher so, als würde man alle Franchises, die man hat, in einen Topf werfen und umrühren. Dadurch wirken sie zuweilen arg deplatziert und tun dem Film nicht gut.

Belanglose Action trifft auf pseudotiefe Story

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Leider ist die Handlung von Free Guy wenig inspiriert und auch die Action kann das nicht retten. (Quelle: Disney)

Anfangs habe ich mich ja auf Free Guy gefreut. Der Film versprach, das Thema Videospiele endlich ernst zu nehmen und in einen guten Film zu verarbeiten. An manchen Stellen hat das auch sehr gut geklappt, wie ich ja oben schon beschrieben habe. Aber oft eben auch nicht. Free Guy hat nämlich beispielsweise die belangloseste Action, die ich seit langem gesehen habe.

Hier fühlt sich nichts mächtig an. Autos werden in die Luft gesprengt, Häuser zerstört und Banken explodieren. Aber man erkennt zu jeder Zeit, dass all diese Effekte aus dem Computer stammen. Vielleicht soll das auch so sein, schließlich will der Film eine Videospielwelt abbilden. Aber die Action funktioniert eben trotzdem nicht. Manche Effekte wirken sogar etwas holprig und unstimmig und sind eindeutig als Greenscreen-Material zu erkennen. Da hätte ich mir von einem Disney-Blockbuster mehr erwartet.


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Auch die Geschichte rund um Guy, der aus seinem Alltagstrott als NPC in Free City ausbrechen will und sich dafür mit „Molotovgirl“ zusammentut ist doch sehr generisch. Wer auch nur einen Film in seinem Leben geschaut hat, wird schnell ahnen, worauf die ganze Handlung hinausläuft. Die Story ist weder neu noch gut geschrieben noch irgendwie überzeugend. Schade, denn daraus hätte man so viel mehr machen können.

Auch wird die Handlung zum Ende hin doch wieder sehr klischeehafter Disney-Kitsch mit einer möglichweise versteckten Message, die die neoliberale Ideologie des Disney-Konzerns in die Köpfe von unbedarften Zuschauern hämmert. Streng dich an, arbeite hart und kritisiere das System nur minimal und auch dir wird ein Happy End ala Disney beschert.

Die Videospielindustrie aufs Korn genommen

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Im Film wird die Videospielindustrie gerne mal aufs Korn genommen. Dabei glänzen die Schauspieler dann auch auf. (Quelle: Disney)

Was ich dann aber wieder sehr gut gelungen finde, ist die manchmal durscheinende, gar nicht mal sehr subtile, aber trotzdem funktionierende Kritik an der Videospielindustrie. Zum einen wäre da der böse Publisher des Videospiels Free City, der nicht zufällig „Soonami“, nach dem japanischen Videospielunternehmen „Konami“, benannt ist. Der Manager dieser Firma, grandios gespielt von Taika Waititi (Jojo Rabbit, What we do in the Shadows) hat natürlich nur den finanziellen Gewinn vor Augen, den das Spiel abwirft.

Genau deswegen ist auch schon ein Sequel zum erfolgreichen Free City mit dem kreativen Namen Free City 2 geplant. Hier wird auf wenig subtile Art die gegenwärtige Videospiel- und in gewisser Weise auch die Entertainmentindustrie kritisiert. So wird der Chef von „Soonami“ etwa gefragt, warum man denn kein vollkommen neues Spiel entwickelt, bei dem man der Kreativität freien Lauf lassen kann. Daraufhin reagiert dieser mit einer Gegenfrage: Warum sollte man denn ein neues Spiel entwickeln, wenn die Menschen das alte feiern und man vom zweiten Teil viel mehr Gewinn als von einer originellen Idee erwarten könne?

In gewisser Weise kritisiert Free Guy sogar den Mutterkonzern Disney selbst, der ja für den ewigen Sequel- und Prequel-Wahn mitverantwortlich ist. Immerhin gibt es mittlerweile mehr als 20 Marvel-Superheldenfilme und die Star Wars-Kuh wird ohne frische Ideen auch munter weitergemolken. Von originellen Ideen ist Disney weit entfernt.

Fazit

Letztendlich ist Free Guy eine mittelmäßig gelungene Kritik an der Entertainmentindustrie. Gleichzeitig feiert er diese durch unzählige, oft übersättigende Referenzen und Insider selbst. Obwohl die Schauspieler rund um Ryan Reynolds, Jodie Comer oder Taika Waititi ziemlich gute Leistungen bringen, können sie den Film vor seiner Mittelmäßigkeit nicht retten. Free Guy fühlt sich an wie eine schlechte Mischung aus Ready Player One und der Truman Show. Und selbst von diesen Filmen war nur einer wirklich gut.

Guy begrüßt jeden Morgen seinen Goldfisch, der, wie er selbst, ein Gedächtnis hat, das nicht lange hält. So verhält es sich auch mit den Menschen, die in jeden neuen Marvel- oder Disneyfilm gehen. Scheinbar haben sie die Handlung des letzten Superheldenblockbuster schon wieder vergessen und freuen sich darauf, vom drölfzigsten Marvelfilm „überrascht“ zu werden. Dabei sind diese Filme doch eigentlich fast alle gleich aufgebaut und vorhersehbar. So auch Free Guy.

Bewertung

2 out of 5 stars

Deutlich besser gefallen hat mir der neue Streich von Denis Villeneuve, der mit Dune eine beeindruckende Welt zum Leben erweckt. Meine Kritik dazu findet ihr hier.

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