Glass Onion Kritik: Ein Film, der sich für schlauer hält, als er eigentlich ist!

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Zu Weihnachten hat Netflix noch mal den Geschenkesack weit aufgemacht und beschert uns mit Knives Out 2 bzw. Glass Onion: A Knives Out Mystery eine Mystery-Komödie mit Starbesetzung. Ob die Bescherung mir auch Freude gebracht hat, erfahrt ihr in meiner spoilerfreien Filmkritik zu Rian Johnsons neuestem Streich.

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Um was geht’s?

2019 sorgte Rian Johnson mit Knives Out für eine echte Überraschung: In dem “Whodunit”-Film mit Starbesetzung klärt Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) einen mysteriösen Mordfall eines alternden Millionärs auf- und das hat damals richtig gut funktioniert.

Kritiker waren begeistert vom Film, viele Zuschauer wünschten sich direkt eine Fortsetzung. Und Rian Johnson, der umstrittene Regisseur von Star Wars: Episode 8, lieferte jetzt nach. Zu Weihnachten veröffentlicht Netflix die Fortsetzung zu Knives Out mit dem Titel Glass Onion: A Knives Out Mystery.

Auch im neuen Film kehrt Benoit Blanc wieder zurück, diesmal aber auf eine Privatinsel von Tech-Milliardär Miles Bron (Edward Norton), der all seine Freunde auf ein Krimidinner eingeladen hat. Allerdings wird dieses Dinner ganz schnell bitterernst, als der als Spiel geplante Mord plötzlich Realität wird und irgendwie jeder der vielen Gäste zum potenziellen Täter avanciert.


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Filmkritik zu Glass Onion: Größer! Schneller! Besser?

Glass Onion A Knives Out Mystery Film.webp

Im Prinzip erzählt Glass Onion: A Knives Out Mystery eine ganz ähnliche Geschichte wie schon der erste Teil. Wieder begleiten wir den von Daniel Craig (James Bond) gespielten Detektiv Benoit Blanc auf seiner Suche nach dem Täter in einem Mordfall. 

Auch diesmal steht an seiner Seite wieder ein Ensemble-Cast aus Hollywood-Sternchen: Neben Dave Bautista (Guardians of the Galaxy, Army of the Dead) und Kate Hudson (Almost Famous, Bride Wars) spielen auch Kathryn Hahn (Mitty, Wanda Vision) und die aus der Netflix-Serie Outer Banks bekannte Madelyn Cline tragende Rollen.

Und Knives Out 2 macht eines von Anfang an klar: Hier wird alles größer und teurer! Die Fortsetzung zum Überraschungshit von 2019 spielt jetzt auf einer riesigen Insel, umgeben von schicken Villen und einer Luxus-Yacht. Alles ist größer gedacht als noch im Vorgänger.

Das rührt wohl auch daher, dass Rian Johnson dieses Mal mit dem Budget vom Streaming-Giganten Netflix deutlich mehr Spielraum hat. Es geht also pompös zu und man merkt direkt von Anfang an, dass Johnson sich hier austoben konnte und richtig viel Spaß dabei hatte! 

Auch das Tempo des Films schlägt in eine ähnliche Kerbe: Mir hat das Pacing in Glass Onion um einiges besser gefallen als noch im Vorgänger. Und das ironischerweise, obwohl sich gerade am Anfang deutlich mehr Zeit gelassen wird. Erst werden die neuen Figuren ausschweifend eingeführt, dann gibt’s ein paar Lacher mit Daniel Craig in der Badewanne. 

Und auch, als sich dann alle auf der Insel versammelt haben, wird sich nochmal Zeit gelassen, um Beziehungen hervorzuheben, Charaktere zu zeichnen und die Ausgangslage für den Mordfall, der natürlich gezwungenermaßen irgendwann passiert, aufzubauen. Größer und schneller ist der Film also allemal, aber macht ihn das auch besser als den ersten Teil?


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Das leere Zentrum der Glaszwiebel

Irgendwann am Ende erklärt Benoit Blanc den erstaunten Anwesenden in der Glaszwiebel, dass das Zentrum, in dem man die Wahrheit hinter den Morden erwartet, doch eigentlich komplett leer ist.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit diesem Film: Von Beginn an wird ein riesiges Mysterium aufgebaut, das in immer verschlungeneren Pfaden und immer komplizierteren Beziehungen ausartet. Nur um uns am Ende eine Auflösung zu präsentieren, die so zusammengeschustert und gezwungen wirkt, dass ich all das nicht mehr ernst nehmen konnte.

Glass Onion biegt sich einen Plot zusammen, der es unmöglich macht, das Mysterium hinter den Morden von sich aus zu lösen. Denn er verrät immer nur die Details, die ihm passen. Nur um uns am Ende mit einer Überdosis an Exposition zu überfluten.

Echtes Storytelling geht anders. Und wie auch schon der erste Teil hält sich Knives Out 2 an vielen Stellen für cleverer und durchdachter, als er eigentlich ist. Darüber können dann auch beeindruckende Set Pieces und ein recht ordentlicher Soundtrack nicht hinwegtäuschen.

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Klare Rollenverteilung

glass onion filmkritik dave bautista

Was mich am zweiten Teil der “Knives Out”-Reihe ebenfalls nicht nur einmal gestört hat, sind die Figuren, die hier mitspielen. Die sind nämlich alle realen Vorbildern nachempfunden: Miles Bron ist Elon Musk, Duke Cody verkörpert natürlich Joe Rogan und Birdie Jay ist so ziemlich jedem gescheiterten It-Girl nachempfunden.

Herausgekommen ist dadurch ein in vielen Momenten furchtbar affektiertes Puppentheater, in dem kaum eine Figur als echtes Lebewesen in Erscheinung tritt. Die allermeisten Charaktere sind auf oberflächliche Stereotype und banale Gimmicks reduziert, damit Rian Johnson ein paar dümmliche Gags und Seitenhiebe unterbringen kann

An sich ist diese Rollenverteilung nichts schlimmes, im Film wird die absurde Truppe an Influencer-Abziehbildern, gescheiterten Models und arroganten Tech-Milliardären immer wieder für mal mehr, mal weniger gelungene Gesellschaftssatire benutzt.

Nun ist Glass Onion natürlich kein Charakterdrama, sondern eine Mystery-Komödie, die von ihrem Plot und der Spannung lebt, die der Film aufbaut. Und trotzdem hatte ich mir von diesem großen Ensemble-Cast mehr erwartet. Gerade Edward Norton und Dave Bautista, den ich zugegebenermaßen prinzipiell schon nicht besonders mag und viel mehr für eine noch schlimmere Version von Dwayne Johnson halte, glänzen schauspielerisch nicht gerade.


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Schockierend aktuell

Mittlerweile ist der Wind rund um die Corona-Lage ja glücklicherweise etwas abgeebbt, aber die Pandemie ist leider immer noch nicht aus der Welt geschafft. Und ich habe bisher keinen Film gesehen, der die aktuelle Lage und die vergangenen zwei Jahre so gut aufarbeitet wie Glass Onion!

In diesem Film werden uns alle möglichen Auswirkungen einer solchen Pandemie gezeigt: Als wir Daniel Craig das erste Mal in diesem Film sehen, sitzt er gerade in einer Badewanne und spielt online Among Us, das Pandemie-Spiel schlechthin.

Im Chat wird er dann aufgefordert, doch mal an die frische Luft zu gehen. Denn auch das darf man nicht vergessen: Für die Psyche vieler Menschen war die Pandemie und die vielen Lockdowns ganz und gar nicht förderlich. Und als sich alle Gäste fürs Krimidinner das erste Mal begegnen, gibt es die, die es mit Masken und Abstand halten nicht so ernst nehmen und dann die anderen, die genau das tun.

Eben auch wieder ein Spiegel unserer Gesellschaft: Die Vorsichtigen und jene, denen die eigene Freiheit wichtiger ist als das Wohlbefinden anderer. Immerhin das kann Glass Onion also durchaus: Ein ziemlich akkurates Bild einer weltweiten Pandemie zeichnen.

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Gesellschaftspolitischer Rundumschlag, der nur selten zündet

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Auch andere gesellschaftspolitische Missstände greift Glass Onion immer wieder auf: Wie schon gesagt gibt es im Raster der vielen Charaktere so einige, die direkt oder indirekt realen Vorbildern entsprungen sind.

Und so könnte man fast meinen, Rian Johnson hätte das Twitter-Drama rund um Elon Musk vorhergesagt, obwohl der Film doch schon viel früher abgedreht wurde. Das ist Humor auf Spitzenniveau. Aber wie ich oben schon geschrieben habe, kann dieses Niveau nur selten gehalten werden.

Insgesamt versteht sich Glass Onion ja zur Hälfte als gesellschaftskritische Komödie. Nur zünden leider nicht viele Gags, die meisten sind geradezu überflüssig und nerven eher. Und trotzdem gelingt es dem Film in einigen Glanzmomenten wieder, unserer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten.

Hinzu kommen hier bei Glass Onion noch so einige Promi-Name-Drops, die aber tatsächlich nie zünden und uns als Zuschauer fragend zurücklassen. Hält Johnson das für Humor oder will er einfach nur ein paar Promi-Freunde im Film unterbringen?

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Und trotzdem freue ich mich auf den Nachfolger

Wieder einmal hält Rian Johnson seinen neuesten Film für schlauer, als er eigentlich ist. Ein paar altbackene Figuren-Tropes und kaum funktionierender Humor können ebenso wenig über die Qualität von Glass Onion: A Knives Out Mystery hinwegtäuschen, wie es ein mittelmäßiger Ensemble-Cast und ständig eingestreute Popkultur-Referenzen zu tun vermögen.

Man merkt deutlich, dass Johnson sich hier austoben durfte: Die fette Kohle von Netflix war da, aber leider niemand, der nochmal kritisch über das Drehbuch geschaut hat. Oder mal die Frage in den Raum geworfen hat, ob fast zweieinhalb Stunden denn nicht ein bisschen zu lang für einen “Whodunit”-Film sind.

Paradoxerweise tu ich mich aber schwer, den Film hier komplett zu zerreißen. Denn im Kern hat er mir Spaß gemacht. Im Kern würde ich mir sicherlich auch einen dritten Teil der “Knives Out”-Reihe anschauen. Im Kern würde ich diesen Streifen sogar empfehlen. Denn irgendwo ist Glass Onion doch unterhaltsam und mit einer ganz eigenen, kaum zu beschreibenden “Blockbuster”-Atmosphäre geschmückt. 


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Fazit & Bewertung

Bei der Bewertung von Glass Onion habe ich mich tatsächlich so schwer getan wie nur bei wenigen anderen Filmen. Es gab Momente im Film, in denen ich aufschreien wollte, weil das ganze Setting so absurd war. Oder weil Daniel Craig wieder einmal ganze Drehbuch-Seiten an Plot Points in viel zu kurzer Zeit nur so runter rasselt.

Aber dann gab es da auch Momente, in denen ich meinen ehrlichen Spaß mit Rian Johnsons neuem Film hatte. Wo ich auf der Couch saß und die Zeit genossen habe. Sei es wegen der Einführung bestimmter Figuren (Stichwort Badewanne) oder wegen des guten Pacings oder weil mich die Insel mit der riesigen Glaszwiebel fasziniert hat.

Letztendlich kann ich festhalten: Schaut euch diesen Film selbst mal an, wenn ihr auch nur ein bisschen Lust darauf habt. Denn ich glaube, dass Glass Onion die Gemüter spalten wird. Einige werden ihn lieben, andere hassen. Und ich verorte mich irgendwo in der Mitte! Aber wenn ihr den Film schon gesehen habt, schreibt doch gerne mal eure Meinung in die Kommentare!


Glass Onion hält sich für schlauer, als er eigentlich ist. Der Humor, die Figuren und ihre Schauspieler sind hier bestenfalls Mittelklasse, ein echter gesellschaftspolitischer Kommentar funktioniert nur selten. Und trotzdem kann der Film unterhalten und macht trotz der vielen Schwächen paradoxerweise Lust auf den Nachfolger…

Bewertung:

3/5


Glass Onion: A Knives Out Mystery startet am 23. Dezember 2022 auf Netflix

© Copyright aller Bilder bei Netflix.


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Lukas Egner

Ich bin der Gründer von filmfreitag und schaue leidenschaftlich gerne Filme und Serien aus jedem Genre. Ich bin 21 Jahre alt, studiere momentan Politik- und Medienwissenschaften und schreibe als freier Autor für verschiedene Film- und Videospielmagazine.

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8 Kommentare
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Markus
Markus
29. Dezember 2022 15:27

gehypt und krachend gescheitert, ist eher dem durchschnittlichen geringen NetflixNiveau angepasst als ein unabhängig gut gemachter Film geworden…völlig fade Dialoge im HochglanzTüTü, Craigs Können wird verschenkt im nervigen BlaBla alterner Stars ohne Fortune und Sternchen der B&C Kategorie – ein langweiliger dummer Streifen im Vergleich zum ersten Knives Out

joey
joey
26. Dezember 2022 13:34

Am Schluss so. „Oooh, Ups, jetzt ist das einzige Beweistsück welches den Mörder hätte überführen könnte leider verbrannt (weil die Dame die es in der Hand hielt, es Demselbigen direkt vor die Nase gehalten hat)…shit…naja okay, dann jagen wir halt denn Rest von der ganzen Scheiss…äääh Story auch noch in die Luft….und dann? Abspann!

Frodo
Frodo
25. Dezember 2022 23:41

Möchte nicht zu lange kommentieren. Meiner Meinung nach waren die ersten 20-30 min mit den überklischeehaften Charakteren die Hölle. Der Mittelteil hat mir sehr gefallen. Der Schluss war dann wieder meh. Alles in allem okay, aber keinesfalls das was ich erwartet habe.

Wollo
Wollo
25. Dezember 2022 0:45

Tja, schwieriger Fall, das! Es stimmt, der Film hält sich für viel smarter, als er eigentlich ist, oder sollte ich sagen, naseweiser? Denn genau diesen Eindruck vermittelt jener überkandidelte Quatsch einstweilen, als sei er das Werk eines albernen Dreikäsehochs, der sich zu wichtig nimmt und so vieles sein will, aber putzigerweise schon am eigenen Anspruch scheitern muss. Ist der Film also schlecht? Nicht zwingend, denn es kommt im Prinzip darauf an, mit welcher Erwartung man… Weiterlesen »

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