„Love, Simon“ Kritik: Liebevoller Coming-Of-Age-Film

Für den zweiten #filmfreitag habe ich mir einen ganz besonderen Film ausgesucht: Meine Empfehlung diese Woche ist „Love, Simon“! Der Netflix-Film glänzt mit starken Schauspielern, einer emotionalen Geschichte und gesellschaftlich relevanten Themen, die fast immer hervorragend vom Film aufgearbeitet werden.

Einführung

„Love, Simon“ ist ein Coming-Of-Age-Film oder auch eine Tragikkomödie aus dem Hause Netflix vom relativ unbeschriebenen Regisseur Greg Berlanti. Mit Nick Robinson, Jennifer Garner und Josh Duhamel spielen aber nicht ganz unbekannte Schauspieler die Hauptrollen. Auch Katherine Langford könnte der ein oder andere schon aus „13 Reasons Why“ kennen.

Im Film erleben wir die Story des 17-Jährigen Simon (ja, wie der Titel schon sagt). Der ist homosexuell, weiß aber irgendwie noch nicht, wie er damit umgehen soll. Bis jetzt hat er es niemandem erzählt und auch seine besten Freunde haben keine Ahnung.

Doch als ein unbekannter Junge aus seiner Schule im Internet preisgibt, ebenfalls schwul zu sein, entscheidet sich Simon dazu, ihn anzuschreiben. Und daraus entspinnt sich eine echt nette Liebesgeschichte mit Coming-Of-Age-Elementen, die zwar vor Klischees nur so strotzt, aber bis zum Ende liebevoll inszeniert ist.

Die heile Welt der Vorstadt (oder auch mein kleines Vorwort)

Simon ist eigentlich ein ganz normaler Junge, der in der amerikanischen Vorstadt aufwächst. Nichts, was man nicht schon in Dutzenden Filmen und noch mehr Netflix-Serien dieser Art gesehen hat. Das Einzige, was ihn besonders macht, ist seine Sexualität. Und diese wird zum Hauptthema, als sich ein unbekannter Junge aus seiner Schule im Internet outet.

Doch sein restliches Umfeld besteht eigentlich aus den Abziehbildern amerikanischer Young-Adult-Darsteller und den Klischee-Charakteren der amerikanischen Vorstadt, die hier aber als liebende und manchmal etwas ins Fettnäpfchen tretende Eltern dargestellt werden.

Das ist zwar alles in allem recht stimmig umgesetzt, die entscheidende Frage bleibt aber bestehen: Wenn man schon einen Film rund um dieses Thema macht, warum inszeniert man dann das bevorstehende Coming-Out des Hauptdarstellers als kontrovers, aber keineswegs problematisch?

Gerade in den USA, aber natürlich auch in Deutschland, ist das Thema Homosexualität weiterhin höchst polarisierend. Ich frage mich, warum der Film das Coming-Out von Simon dann als so unproblematisch darstellt. Er hat zwar mit ein, zwei Problemen auf dem Weg dorthin zu kämpfen, aber letztendlich akzeptieren ihn seine Familie und Freunde so wie er ist.

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Auch heute leider noch kontrovers: Gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen.

Ob das die Realität widerspiegelt, ist fragwürdig. Viele Tennager haben auch heutzutage noch mit viel Ablehnung im Bezug auf ihre Sexualität zu kämpfen. Das wird in „Love, Simon“ ja auch an einigen Stellen thematisiert. Aber für mich hat vor allem im dritten Akt etwas gefehlt. Ich fordere hier aber natürlich nicht, dass jeder Film über dieses Thema mit dem Vater, der seinen Sohn aus der Familie schmeißt, weil er schwul ist, aufwarten muss. Denn dass das nicht vorkommt, muss keineswegs ein Negativpunkt sein:

Vielmehr kann man die Entscheidung, das Coming-Out und seine Konsequenzen so zu porträtieren, wie es der Film gemacht hat, auch als empowerned für junge Menschen sehen. Es sollte mehr als normal sein, dass Menschen unterschiedliche sexuelle Orientierungen haben. Und im Film wird es auch so dargestellt. Die Eltern von Simon akzeptieren ihn fast sofort, seine Freunde haben aus anderen Gründen noch ablehnende Haltungen.

Das war jetzt natürlich nur mein Senf zu der ganzen Thematik und warum ich damit so ein, zwei Probleme habe. Aber ich finde es wichtig, in Filmkritiken eben auch auf die subjektive Wahrnehmung des Autors zu speziellen filmübergreifenden Themen zurückzukommen.

Ein Drama in drei Akten

OK, jetzt habe ich mich vielleicht etwas zu lang mit den Einzelheiten einiger bestimmter Momente aufgehalten. Kommen wir doch mal zu der Geschichte des Films an sich. Denn diese ist an vielen Stellen unterhaltsam, an einigen emotional und an manchen sogar zu Tränen rührend.

Simon ist ein relativ „normaler“ Junge an einer Highschool in den USA. Er hat einen Freundeskreis aus unterschiedlichsten Individuen, die alle ihre Nähe zu bestimmten Klischeecharakteren vereint. Seine Familie liebt ihn, seine Schwester unterstützt ihn. Eigentlich eine Atmosphäre zum Abtauchen und wohlfühlen.

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Ein wenig wie Abziehbilder verschiedener Klischees: Der Freundes- und Familienkreis von Simon.

Aber eines Tages liest er auf der Tumblr-Seite seiner Schule (ja, sowas haben die da drüben scheinbar) von einem anonymen Jungen, der sich als schwul outet. Mit ihm baut er im Laufe des Films eine Email-Beziehung auf, bei der die Frage nach der Identität stets ein Hauptthema für Simon ist.

Die Geschichte erfindet das Rad nicht neu, ist aber nicht nur unterhaltsam, sondern wartet auch mit Sprengstoff für gesellschaftliche Problemstellungen auf. Die Themen Homophobie, Liebe und ihre zahlreichen Facetten und die Dynamiken einer Vorstadt-Familie spielen zwar nicht die Hauptrolle, werden aber thematisiert und interessant aufgearbeitet.

Obwohl, wie ich ja oben schon geschrieben habe, im ersten Moment alles eine Spur zu perfekt scheint, schafft es „Love, Simon“ mit pointierten Dialogen und Szenen diese vermeintliche Perfektibilität eines Teenagerlebens aufzubrechen.

Mal macht der Vertrauenslehrer einen unpassenden Witz, mal bringt der eigentlich verständnisvolle Vater einen homophoben Scherz. Und all das mündet dann in einprägsamen und hochemotionalen Szenen, die entweder das Geschehene rekapitulierend aufgreifen oder viel größere gesellschaftliche Probleme aufzeigen wollen.

Charmante Charaktere

Ich habe ja im letzten Kapitel schon erwähnt, dass im Film auch ein Augenmerk auf die Freunde und die Familie des Protagonisten gelegt wird. Und auch, dass die meist eher Abziehbilder von Klischee-Charakteren sind. Aber ich will hier nochmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass „Love, Simon“ seine Charaktere trotzdem so gut schreibt, dass die Klischees schnell vergessen werden.

Denn die Charaktere sind alle unglaublich sympathisch und der Zuschauer wird sich früher oder später mal mit ihnen allen identifizieren können. Sowohl die Freunde von Simon, als auch seine Widersacher sind nachvollziehbar inszeniert und werden immer so beleuchtet, dass sie nicht nur in ein bestimmtes Licht gerückt, sondern ihre Charakterzüge stets differenziert betrachtet werden.

Das ganz normale Leben?

Eine weitere Stärke des Films ist seine Nicht-Fokussierung. Was meine ich damit? Nun, im Film wird eben nicht die Sexualität von Simon in den Vordergrund gestellt, sondern sein Leben im Gesamten. Er hat mit den alltäglichen Problemen eines Teenagers zu kämpfen.

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Szenen einer Liebe, die zerbröckelt. Oder nie bestand.

Die erste große Liebe, Herausforderungen im Freundeskreis und das Finden von Selbstvertrauen sind nur einige davon. Und dann ist ja da noch die durchaus interessante übergeordnete Fragestellung des Films: In einer Welt, die von Normen geprägt ist, haben es Personen, die gegen die Norm stehen, schwer. Aber wer legt eigentlich diese Normen fest?

Wer entscheidet, welche Art der Sexualität die „normale“ ist? Im Film gibt es da eine lustige, von unserem Protagonisten imaginierte Szene, in denen die heterosexuellen Freunde von ihm ihr Coming-Out vor den Eltern haben und diese ganz geschockt reagieren.

Der Netflix-Streifen legt sein Hauptaugenmerk also nicht ausschließlich auf das Thema Homosexualität, sondern macht diese zu einem weiteren Stein auf dem langen Weg zur Selbstfindung in jungen Jahren. Daher ist „Love, Simon“ in dieser Hinsicht vielleicht der repräsentativste Film aus diesem Genre.

Fazit

Ein Film wie wahrscheinlich kein zweiter – das ist „Love, Simon“. Und damit ist nicht seine Einzigartigkeit gemeint, sondern seine kluge Themenauswahl und nachvollziehbare Charakterschreibung. Kein Film eines großen Hollywood-Studios hatte vor 2018 einen homosexuellen Protagonisten. Und kein Film wusste damit besser umzugehen als der Streifen von Greg Berlanti.

Der Regisseur ist selbst schwul, die Vorlage der Romanverfilmung stammt von der Psychologin Becky Albertally, die beweist, wie vielseitig man einen solchen Film schreiben kann. Die Homosexualität des Hauptcharakters spielt zwar eine wichtige Rolle in der Geschichte, stellt aber gleichzeitig nur eine weitere Hürde auf dem Weg zur Selbstfindung dar, die, wenn sie überwunden wurde, zu unglaublicher Glücksseligkeit führen kann.

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„Love, Simon“ ist auf seine Art ein einzigartiger Film, der vor allem am Ende aber zu sehr vom Hollywood-Kitsch lebt.

Sehen wir mal vom Ende ab, dass nun wirklich etwas zu Hollywood-Kitsch-mäßig daherkommt, macht der Film an den allermeisten Stellen alles richtig. Denkt man im ersten Moment noch, das würde eine weiterer dieser kitschigen Liebeskomödien, entpuppt sich der Film als vielleicht bester Coming-Of-Age-Streifen der letzten Jahre. Und die Schauspieler werden nach diesen Leistungen wohl auch in Zukunft von sich hören lassen.

Bewertung: 4 out of 5 stars

Aber jetzt genug von mir. Wenn ihr den Film schon kennt, schreibt mir gerne mal in die Kommentare, wie ihr ihn fandet. Und falls ihr ihn durch mich erst entdeckt habt, dann würde ich mich über eine Rückmeldung nach dem Schauen freuen! Meine letzte Filmkritik zum Netflix-Blockbuster „Army of the Dead“ findet ihr übrigens hier.

8 Gedanken zu „„Love, Simon“ Kritik: Liebevoller Coming-Of-Age-Film

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