Neuster Schocker von A24: Men in der Kritik


Der neue Genre-Thriller Men von A24 und Alex Garland ist viel mehr ein Abbild einer kaputten Gesellschaft als ein Horrorfilm und erzählt auf eindrückliche Art und Weise den Leidensweg einer Protagonistin, die so blass bleibt wie die Monster, die sie heimsuchen.

Um was geht’s?

Harper (Jessie Buckley) hat gerade eine schlimme Trennung hinter sich und will eigentlich nur ein paar Tage allein in der idylischen Landschaft Englands verbringen. Doch geplagt von einem nackten Stalker merkt sie schon am ersten Tag, dass in ihrem vermeintlich so ruhigen und abgelegenen Landhaus einiges nicht mit rechten Dingen zu geht.

Und so begeben wir uns im neuen Film von Alex Garland (Ex Machina, Auslöschung) auf eine grauenvolle Reise, in der die Protagonistin durch eine männerdominierte Hölle schreitet und immer und immer wieder an ebendiese Tatsache erinnert wird. Men ist weniger ein klassischer Horrorfilm, sondern ein dekonstruktives Werk eines Teils unserer Gesellschaft. Meine Kritik zum Film lest ihr hier.


Kritik zu Men: Was dich sucht, wird dich finden

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Wie so oft für den deutschen Kinomarkt hat auch dieser Film einen unglaublich bescheuerten Untertitel für das „Land der Dichter und Denker“ bekommen, die bei solchen Titeln meist einen Aussetzer haben. „Was dich sucht, wird dich finden“. Ja, das fasst einen Teil der Handlung des Films vielleicht ganz gut zusammen. Schließlich geht es um eine junge Frau, die von immer verstörender wirkenden Männern aus der Pampa Großbritanniens verfolgt und terrorisiert wird.

Aber gleichzeitig weckt dieser Titel auch vollkommen falsche Erwartungen. Der unbedachte Kinobesucher freut sich dadurch vielleicht auf einen spannenden Horrorfilm. Aber gerade das ist Men eben nicht. Er hat Horrorelemente, das kann man kaum leugnen. Und die sind auch recht effektiv umgesetzt. Allerdings würde ich Men wohl eher als Psychotrip bezeichnen, den wir aus der Perspektive einer Frau erleben, die umgeben ist von Männern. Und der Psychotrip kann für manche Zuschauerinnen eben auch der bloße Alltag sein.

Wo ich als Mann noch nie einen kilometerlangen Umweg nach der letzten Party gegangen bin, nur um im Straßenlaternenlicht zu bleiben, ist das für viele Frauen in unserer Gesellschaft Alltag. Und so ergeht es auch der Protagonistin des Films: Harper freut sich auf einen entspannten Urlaub, nachdem sie sich von ihrem gewaltbereiten und toxischen Partner getrennt hat. Doch selbst ein Urlaub kann für Frauen zur Hölle werden.

Vermeintlich nett führt sie der Besitzer des Ferienhauses namens Geoffrey (Rory Kinnear) am Anfang des Films durch jedes einzelne Zimmer, macht aber schon da komische Bemerkungen. Als Harper dann am nächsten Morgen im nahegelegenen Wald spazieren geht, verfolgt sie plötzlich ein splitterfaser nackter Mann, der sie bis ans Haus verfolgt und sich gewaltsam Zutritt verschaffen will.

Als dann – gerade noch rechtzeitig – die Polizei eintrifft, rät ihr die Polizistin im Gespräch, das alles doch nicht so ernst zu nehmen. Schließlich sei der Stalker wahrscheinlich nur ein verwirrter Obdachloser gewesen. Das soll dann alle seine Taten rechtfertigen, ja gar entschuldigen. Und schon hier zeigt Alex Garland auf brillante, gleichzeitig aber auch plumpe Art und Weise eine Sache: Alle, denen Harper begegnet, sind nicht auf ihrer Seite. Das wird im späteren Verlauf des Films noch deutlicher, aber schon hier zeigt sich: Sogar eine Polizistin ihres eigenen Geschlechts scheint die junge Frau nicht zu verstehen.

Und all das, diese Hilflosigkeit und gleichzeitige Wut, die sich immer mehr in der Protagonistin aufbaut, all diese Emotionen übertragen sich auf gewisse Weise auch auf den Zuschauer. Das gelingt dem Film hervorragend: Er ermöglicht es, die schrecklichen Situationen, in die Harper hineingeworfen wird, bildlich verständlich und dadurch auch für alle, die noch nie in solchen Situationen waren, erlebbar zu machen.

Das mag jetzt auf den ersten Blick wenig erstrebenswert sein, sich einer sexistischen Situation ausgeliefert zu fühlen. Aber der Film gibt dadurch dem Zuschauer die Chance, all das Leid, das für viele Frauen in Deutschland und der Welt zum Alltag gehört, sichtbar zu machen und gibt sich dadurch, meiner Meinung nach, einem feministischen Dienst hin.

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Für diesen Dienst spielt auch der Regisseur Alex Garland keine unerhebliche Rolle. In beiden Filmen, die er bisher inszeniert hat, geht es auf die ein oder andere Art um die Situation von Frauen in einer patriarchalen oder zumindest immer noch sexistischen Welt. Und zusammen mit Men hat er nun drei Filme geschaffen, die zwar immer auf unterschiedliche Weise einen Teil des gesellschaftlichen Miteinanders dekonstruieren, alle drei dies jedoch genial hinbekommen.

Im Internet hat der Film bisher gemischte Reaktionen hervorgerufen. Viele werfen Men vor, die gesamte Männerwelt über einen Kamm zu scheren, sozusagen sexistisch gegenüber Männern zu sein, obwohl man den Sexismus und die Misogynie gegenüber Frauen kritisieren will. Und in einem Punkt gebe ich Kritikern da durchaus recht: Der Film stellt Männer als etwas durch und durch Böses dar. Allerdings grenzt er sich dabei als Horrorfilm klar davon ab, auf die gesamte Gesellschaft übertragen zu werden.

Er zeigt einen Ausschnitt unserer Gesellschaft, sagt aber dabei nicht aus, dass jeder Mann ein Monster ist. Doch obwohl ich die Sichtweise, die der Film ermöglicht, feiere, kommt auch Men nicht ohne seine Probleme daher. Eines der offensichtlichsten ist die „Geschichte“ an sich. Von der ersten Szene an, in der unsere Protagonistin einen Apfel vom Baum reißt und Garland dadurch schon eine doch etwas plumpe biblische Anspielung einzubauen versucht, wissen wir als Zuschauer immer, wohin die Reise geht. Und von dieser Frau-In-Toxischer-Männerwelt-Metapher löst sich Men zu keinem Zeitpunkt seiner 100 Minuten Lauflänge.

men
Als Harper den dunklen Tunnel betritt, beginnt das Grauen. Metaphern finden sich hier viele.

Der Plot des Films existiert eigentlich nicht, vielmehr lebt Men von einzelnen, fast wie Kurzfilme inszenierten Szenen. Und der wohl größte Kritikpunkt, der einen Dominoeffekt an anderen Kritikpunkten aufwirft, ist Harper, der Hauptcharakter des Films und vermeintlich zentrale Identifikations- und Projektionsfigur für den Zuschauer.

Harper jedoch ist so oberflächlich geschrieben, dass sie nicht wie ein echter Charakter, sondern mehr wie ein Abziehbild eines Charakters wirkt. Im Film wird die männerdominierte Welt kritisiert. Doch die Protagonistin, die all das erlebt, ist eine bloße Hülle eines Charakters. Sie wird ausschließlich durch die Geschichte definiert, und zwar mit EINER Definition: sie ist das Opfer, mehr nicht. Über sie wird nichts erzählt, dass ihren Charakter formen würde. Welche Hobbys hat sie, wo arbeitet sie, was genießt sie im Leben?

All das bleibt uns als Zuschauer verborgen. Und wie schon geschrieben fügt sich daran dann ein ganzer Dominoeffekt an Problemen. Und trotzdem ist Men ein besonderer, ein notwendiger Film. Denn die Perspektive, aus der wir so viele schlimme Dinge erleben, die bleibt. Auch wenn die Frau, die diese Perspektive verkörpert, zu oberflächlich charakterisiert ist.

Und auch das Ende von Men wird diesen Film wohl kontrovers machen. Ohne zu spoilern sei nur gesagt, dass bei diesem Ende wohl so einige Kinobesucher neben euch aufstehen und den Saal verlassen werden. A24 ist ja bekannt für eher unkonventionelle und fordernde Stoffe, und dieser Film zementiert diese Stellung des Studios ein weiteres Mal.

Ebenfalls sehr positiv ist mir das Sounddesign des Films aufgefallen. Hier stimmt einfach mal fast alles, von bedrückenden Klangkulissen im Wald bis zu wirklich verstörender Musik, die läuft, während vor der Kinoleinwand Dinge passieren, die jeder selbst erleben sollte. Und auch die Schauspieler leisten hervorragende Arbeit.

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Fazit

Wie der Name schon sagt, dreht sich in Men alles um Männer. Oder doch nicht? Nein, ganz im Gegenteil! Eigentlich handelt der Film von einer Frau und ihren Erfahrungen mit Männern. Deswegen hätte A24 den Film aber trotzdem nicht Women nennen sollen, denn porträtiert wird hier trotzdem das Verhalten von Männern, nur eben aus der Perspektive einer Frau.

Der Film ist durchaus kein leichter Stoff, gerade an Betroffene von sexualisierter Gewalt und toxischen Beziehungen sollte man eine Warnung aussprechen. Allerdings ermöglicht es der Film durch die Perspektive von Harper, all die Probleme von Frauen in unserer Gesellschaft besser nachvollziehen zu können. Gleichzeitig bleibt der Film dabei immer gerade so offen, dass er unendlich viel, manchmal gar etwas zu viel Spielraum für Interpretationen offen lässt.

So wirkt Men manchmal dann wie mehrere Kurzfilme, die alle die gleiche Idee hatten und die man einfach nur zusammen geschnitten hat. Und auch die Protagonistin bleibt vergleichsweise blass, was den Eindruck vom Film etwas schwächt. Und trotzdem bleibt der neue Streifen von A24 und Alex Garland eine Empfehlung.

3.5 out of 5 stars

Men startet am 21. Juli 2022 in den deutschen Kinos.

© Copyright aller Bilder bei A24.


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