Nightmare Alley Kritik: Therapiestunde mit del Toro


Im neuen Film Nightmare Alley von Guillermo del Toro besinnt sich der Kult-Regisseur auf die goldene Ära der Noir-Filme in Hollywood zurück und entspinnt aus einer einfachen Prämisse rund um einen Magier eine von Psychosen und Gesellschaftskritik gespannte Geschichte.

Um was geht’s?

Nightmare Alley handelt vom Aufstieg und Fall eines talentierten Jahrmarkt-Magiers. Als er eine mysteriöse Frau kennenlernt, die ihn noch dazu therapeutisch behandeln will, dekonstruiert sich Stans Leben vor seinen Augen. Der neue Film von Guillermo del Toro spielt in einer fiktiven Welt während des Zweiten Weltkriegs und wir begleiten nicht nur Stan, sondern auch seine Kollegen auf einer Reise in die Welt der Magier, der Manipulation und letztendlich der Ausnutzung Leitgläubiger für den eigenen Profit.

Dabei hat sich Nightmare Alley, vor allem in der zweiten Hälfte, stark vom klassischen Film Noir der 40er Jahre in Hollywood inspirieren lassen, erzählt aber trotzdem eine Geschichte, aus der man zahlreiche Parallelen zu unserer modernen Gesellschaft ableiten kann.

Kritik zu Nightmare Alley: Vom bunten Historienfilm zum Neo-Noir-Thriller

Nightmare Alley Bradley cooper

Würde man nach der Hälfte von Nightmare Alley aus dem Kinosaal gehen und befragt werden, welche Art Film das wohl ist, würden viele Zuschauer wohl schnell auf die Begriffe Historiendrama oder fiktives Biopic kommen. Und das ist Nightmare Alley in der ersten Hälfte auch mit überzeugender Brillianz.

Guillermo del Toro schafft es in den ersten 60-70 Minuten, eine wahnsinnig einfühlsame und mitreißende Geschichte rund um einen angehenden Magier und sein Umfeld, dass aus allerlei Jahrmarktkünstlern besteht, zu erschaffen. Zwar geschieht all das auf eine vergleichsweise ruhige und entspannte Art und Weise. Der Film lässt sich Zeit für Charaktermomente, eine angedeutete Liebesgeschichte und den Alltag im „Jahrmarkt“-Geschäft.   

Doch dann schwingt der Film um. Nicht von einen auf den anderen Moment. Nicht im Verlauf eines Schnittes. Sondern wieder in einer langsamen Art und Weise. Die zweite Hälfte des Films ist dann kaum noch vergleichbar mit den ersten 70 Minuten. Ein Umschwung nicht nur in der Stimmung des Films, sondern auch in seiner Erzählweise und seinen Bildern ist zu erkennen.

Als der mittlerweile erfolgreiche Magier Stan mit seiner Assistentin und Lebensgefährtin auf eine mysteriöse Frau trifft, beginnt sein – für einen Magier natürlich notwendiges und eigentlich unabdingbares – Schauspiel zu brückeln. Die mysteriöse Fremde entlarvt nach und nach all seine Tricks, bis ihm nichts anderes übrig bleibt und er noch tiefer fällt als sein verhasstes Ebenbild vom Anfang des Films. Und so spiegelt sich auch der Film mit einem Zitat in seiner Lauflänge wider: Ist der Protagonist nun ein Mensch- oder ein Monster? Oder ist er selbst möglicherweise gar nicht selbst verantwortlich für sein Schicksal? Fragen, die sich der Zuschauer nach dem Abspann wohl selbst beantworten muss.


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Für seine Action oder CGI-Effekte wird Nightmare Alley wohl keinen Oscar gewinnen. Schon allein deswegen, weil der neue Streifen von del Toro weder ein Actionfilm noch ein CGI-Spektakel sein will. Vielmehr zeigt sich hier ein Meisterwerk des klassischen Hollywoods: Reale Bilder, eine wunderschöne Farbkomposition und Kostüme, die zwar nicht besonders herausstechen, gerade dadurch aber so effektiv sind. Auch deswegen wird der Film wohl den Oscar in der Kategorie der besten Kostüme abräumen.

Für einen bis zur Hälfte mit historischen Kulissen untermalten Film erzeugt Nightmare Alley eine wahnsinnig eindringliche Atmosphäre. Doch auch der zweite Teil, der dann eher in Richtung Noir-Stil mit Horrorelementen geht, zeigt, wie gut del Toro eine Art lovecraftschen Fokus kann. All das vermischt der Film zu einem spektakulären Kunstwerk, dass einen vor die Kinoleinwand fesselt. Natürlich spielt da auch die Geschichte, die Schauspieler und vieles andere eine Rolle. Aber der Artstil des Streifens legt die Basis dafür.

In Nighmare Alley lebt das Hollywood der 40er und 50er Jahre in seinem Stil wieder neu auf und wird in einer angenehm niveauvollen Weise für ein Publikum des 21. Jahrhunderts angepasst. Da die Geschichte zwar im Jahr 1941 spielt, aber als Ort des Geschehens in der ersten Hälfte ein eher zurückgezogener Schauplatz gewählt wurde, wirkt der Kontrast dann zum zweiten Teil noch mal krasser: Während wir bis zur Hälfte fast vorindustriell anmutende Kostüme, eine Atmosphäre ala Steampunk und zum Verlieben schöne Bilder der einfachen Abgeschiedenheit des Jahrmarkts zu sehen bekommen, entführt uns die zweite Hälfte des Films in ein Noir-Großstadt-Setting der Extraklasse. Und all das inszeniert del Toro auf fast schon magische Art und Weise. Eine Inszenierung, die mich selbst an Jahrmarkt-Attraktionen erinnert hat. Aber im vollends positiven Sinne!

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nightmare alley

Bevor ich den Kinosaal betreten habe, wusste ich eigentlich fast nichts über Nightmare Alley. Ich habe im Voraus erfahren, dass der Film von Guillermo del Toro inszeniert wurde und eine faszinierende Geschichte, basierend auf einem Buch, erzählen soll. Mehr wusste ich aber nicht, weder über das Setting noch über die Charaktere.

Und gerade letztere haben mich dann sehr begeistert. Bradley Cooper spielt den Protagonisten Stan auf eine dem Zuschauer zugewandte Weise. Wir erleben den Film durch seine Augen, wodurch er schnell zur Identifikationsfigur heranwächst, auch wenn er moralisch weit von einer Heldenfigur entfernt ist. Und das ist für einen Film, der sich stark vom Film noir wie Citizen Kane und Out oft he Past hat inspirieren lassen, auch nicht verwunderlich.

Anfangs glaubt man gar, die klassisch pessimistische Sicht des Film Noir überwunden zu haben, als wir eine Menge an mehr oder weniger sympathischen Charakteren vorgestellt bekommen. Sie alle leben ein glückliches Leben in ihrer kleinen Jahrmarkt-Welt. Doch in der zweiten Hälfte versteht der Film es gekonnt, zum einen das Gefühl des Noir deutlich stärker als noch in der ersten Hälfte aufkommen zu lassen. Zum anderen spielt er aber auch mit klassischen Motiven ebenjenes Genres, von dem er sich seine Stilmittel abkupfert. Am ehesten heraus sticht da die vermeintliche Femme Fatale, die der Protagonist in Form der mysteriösen Psychiaterin Lilith (Cate Blanchett) kennenlernt und die sich später als etwas vollkommen Gegenteiliges entpuppt.

Hinzu kommen die wirklich in sämtlichen Rollen herausragenden Schauspieler, die sich für Nightmare Alley zusammengefunden haben. Der Cast reicht von einem grummeligen und schmierigen Jahrmarktboss (Willem Dafoe) bis hin zur manipulativen, aber gutmütigen Wahrsagerin (Toni Collette) und den in seiner Rolle aufgehenden Ron Perlman (zuletzt gesehen in Don’t Look Up). Da wundert es auch nicht, dass Nightmare Alley sich eine Nominierung als bester Film bei den Oscars verdient hat.


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Wer hört, zu welcher Zeit Nightmare Alley spielt, der wird sich erstmal wundern, was dieser Film denn mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun hat. Die Frage ist leicht zu beantworten: Einfach alles! Wer in diesem Streifen, dessen Geschichte sich um einen aufstrebenden Magier und seine manipulativen Tricks dreht, nicht mindestens eine Parallele zur auch heute noch von vielen ernstgenommenen Welt der Esoterik erkennt, der sollte sich schon an den Kopf fassen. Denn in Nightmare Alley eröffnet sich uns oberflächlich zunächst mal eine Welt, von der wir wissen, dass das allermeiste in ihr Fake ist.

Natürlich spielt die Jahrmarkt-Wahrsagerin ihrem Publikum etwas vor, natürlich sind die Elektroblitze, die  Molly (Rooney Mara) schocken, nicht echt. All das ist eine Fassade. Genau wie die Astro-TV-Versprechen oder Homeophatie-Lügen, die uns Menschen heutzutage auftischen. Und trotzdem lassen sich ja viele Menschen davon förmlich einlullen, heute wie gestern. Dieser Film will nun zum einen den Zuschauer ebenfalls in seine Welt einlullen, wie man so schön sagt, zum anderen will er den eingelullten Zuschauer dann aber eine immer weiter dekonstruierte Wirklichkeit aufzeigen.

Selbst ganz aktuell die Querdenker-Bewegung oder auch allgemein Verschwörungstheorien bedienen sich im Prinzip einfachster Jahrmarkt-Techniken, um den Menschen in eine Welt zu entführen, aus die er kaum mehr fliehen kann, ohne sich selbst zu zerstören. Genau das passiert mit dem Protagonisten in Nightmare Alley, nur das dieser sich seine eingelullte Welt selbst aufgebaut hat und sie nach und nach zum Einsturz bringt. Ob das mit den Organisatoren der Querdenker-Bewegung wohl auch irgendwann passieren wird?


Fazit & Bewertung

Nightmare Alley ist nun mittlerweile der 15. Film von Guillermo del Toro. Und wer sich bis jetzt die Frage danach, ob der Mensch ein Mensch oder doch ein Monster ist, nicht beantworten konnte, dem sei gesagt: Genau wie Tarantinos Liebe für Füße bekannt ist, so ist mittlerweile auch die Antwort auf die Frage, die der Film ja am Anfang stellt, bekannt: del Toros Menschen sind immer Monster. Auf die ein oder andere Art und Weise in Pans Labyrinth, ebenso wie in The Shape of Water und nun eben in Nightmare Alley.

Dabei bleibt sich der Regisseur treu und erzählt eine märchenhaft anmutende Geschichte, an deren Ende wir Zuschauer doch wieder mit der bitteren Realität konfrontiert werden. Schöne Bilder, passende Kostüme und eine einlullende Atmosphäre machen Nightmare Alley zu einem Highlight eines Films der ruhigen Sorte. Auch die breite und sehr aktuelle Gesellschaftskritik lassen das Werk noch einige Zeit nachwirken. Trotz der am Ende natürlich vorhersehbaren Prämisse und der Laufzeit, die etwas zu lang geraten ist, ist der Film definitiv eine Empfehlung und einen Kinobesuch wert!

4 out of 5 stars

© Copyright aller Bilder bei Searchlight Pictures.


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