Palm Springs Kritik: Und täglich grüßt der gleiche Film

Palm Springs versetzt das Prinzip von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ an den namensgebenden Ort an der Westküste der USA. Der Kniff: Andy Samberg spielt einen Hochzeitsgast, der die Feierlichkeiten seit ungezählten Tagen immer und immer wieder erlebt.

Einführung

Wer kennt ihn nicht, den Kultklassiker „Groundhog Day“, in dem Bill Murray den Wettermann Phil spielt, der plötzlich in einer Zeitschleife feststeckt und den gleichen Tag immer wieder erlebt. Das Prinzip dieses Films wurde in Hollywood schon oft kopiert, aber nie kam ein Film an den Vater dieses Subgenres heran.

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Klassiker und gleichzeitig Begründer eines ganzen Subgenres: „Groundhog Day“, zu deutsch „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Was kann man auch großartig Neues einbringen, wenn das Prinzip immer ähnlich ist: Jemand steckt in einer Zeitschleife, es wird die Sinnlosigkeit des Lebens heraufbeschworen, doch dann lernt er oder sie den Traumpartner kennen und das Leben hat plötzlich wieder einen Sinn.

Mit Palm Springs versucht Regisseur Max Barbakow, ein relativ unbeschriebenes Blatt in Hollywood, dem ganzen Genre einen neuen Twist zu verpassen: Nyles (Andy Samberg) erlebt die Hochzeit eines befreundeten Paares immer und immer wieder aufs Neue. Er weiß schon gar nicht mehr, wie lange er in dieser Schleife feststeckt, als er eines Tages auf Sarah (Christin Milloti) trifft, eigentlich nur einen One-Night-Stand hat (bzw. versucht zu haben, was aber schief läuft), doch plötzlich mit ihr in der gleichen Zeitschleife feststeckt.

Klingt eigentlich gar nicht so innovativ, oder? Aber Palm Springs schafft es, mit einem unglaublich guten Pacing und tollen Schauspielern, einem eigentlich abgestanden Genre neuen Wind einzuhauchen. Übrigens genauso wie „Love, Simon“ in einem ganz anderen Genre. Meine Kritik zu diesem Film findet ihr hier.

Absurdität an erster Stelle

Ein Thema sollte man zu allererst abhacken, bevor man mit der Besprechung des Films beginnt: Natürlich sind jegliche Erklärungsversuche, warum es ausgerechnet in Palm Springs in einer unscheinbaren Höhle ein Dimensionsportal geben sollte, absurd.

Und das weiß der Film auch. Er hinterfragt die Grundprämisse nie, sondern macht sich eher über sie lustig. Wenn Sarah etwa versucht, innerhalb weniger Tage die Relativitätstheorie zu verinnerlichen, um aus dem Schlamassel heil wieder heraus zu kommen, zeigt das nur die Absurdität des Ganzen.

Also, bitte erwartet kein Interstellar, wo alles auf wissenschaftlichen Fakten basiert, sondern spaßige Erklärungsversuche, die sich nie zu ernst nehmen.

Wir müssen über den Montagerhythmus reden!

Was macht eine recht durchschnittliche Romantikkomödie über den Sinn des Lebens und Verlustängste zu etwas Besonderem? Für mich war es bei Palm Springs der Montagerhythmus. Aber was meine ich damit?

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Palm Springs ist nicht nur gut geschnitten, sondern wird nie langweilig. Mit nur 90 Minuten ein sehr kurzweiliger Film.

Mit diesem Begriff meint man in der Film- und Serienwelt das Zusammenspiel von Pacing und Timing, also von Schnittgeschwindigkeit und Schnittabstimmung. In diesem Film wirken beide perfekt zusammen. Dadurch wird der Film nie langweilig und ist stehts unterhaltsam. Die Gags sitzen fast alle, der Montagerhythmus kaschiert geschickt einige Drehbuchschwächen und die audiovisuelle Gestaltung des Streifens funktioniert trotz des geringen Budgets.

Schauspielerische Oberklasse

Auch die beiden Protagonisten des Films funktionieren sehr gut. Andy Samberg spielt einen Typ, dem nach einer gefühlten Ewigkeit in der immer gleichen Zeitschleife mittlerweile alles egal ist. Als Sarah, gespielt von Christin Milloti, in der gleichen Schleife gefangen wird, entsteht eine ganz besondere Freundschaft zwischen den Beiden.

Dabei ist die Chemie zwischen Nyles und Sarah nahezu perfekt. Sie ergänzen sich gegenseitig, verstehen sich wohl auch hinter den Kulissen ziemlich gut und tragen diese Beziehung auch in den Film. Dadurch wirken viele der Szenen einfach noch einen Hauch glaubhafter.

Noch dazu ist Andy Samberg ein hervorragender Komiker. Das hat er schon in der fantastischen Comedy-Serie „Brooklyn 99“ oder durch seine Auftritte in „Saturday Night Live“ unter Beweis gestellt. Er fühlt sich in Filmen und Serien, die sehr auf das oben angesprochene Pacing achten und eine hohe Geschwindigkeit aufweisen, scheinbar wohl.

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Fühlt sich ziemlich wohl in Palm Springs: Andy Samberg.

Beide Charaktere besitzen auch viel Charisma, fast jeder Zuschauer wird sich mit einem von ihnen oder Beiden früher oder später ziemlich gut identifizieren können. Und dann wäre da ja noch eine Nebenrolle, die unbedingt erwähnt werden muss!

J.K. Simons spielt einen alten, von Rache getriebenen Badass, der es auf Nyles abgesehen hat. Und das ist nicht nur oft unglaublich lustig, sondern in einigen Momenten auch traurig und dramatisch. Aber zu viel will ich zu seiner Rolle auch nicht verraten, denn die ist das geheime Highlight des Films.

Drehbuch der Mittelklasse

Tja, wir haben gute Schauspieler. Aber was ist mit dem Drehbuch? Kann das da auch mithalten? Kurze Antwort: Leider nein.

Lange Antwort: Die Geschichte von Palm Springs erzählt nichts wirklich Neues. Wer schon einmal einen Film in die Richtung „Groundhog Day“ gesehen hat, wird schnell erkennen, worauf es hinauslaufen soll.

Natürlich werden wie so oft Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem immer gleichen Trott des Alltags oder nach der wahren Liebe gestellt. Aber die gleichen Themen gibt’s da eben auch in anderen Filmen dieser Art. „Die Truman Show“ oder „Edge of Tommorow“ laufen ähnlich ab, zeichnen aber ihren ganz eigenen Twist ab. Das ist bei Palm Springs eher weniger der Fall.

Auch wenn das Hochzeits-Thema natürlich Stoff für so manche lustige oder dramatische Szene liefert, bietet der Film nichts fundamental Neues. Und auch der Rest des Erzählten wirkt wenig erfrischend: Die Romanze, die zwangsweise im Laufe von Palm Springs entsteht, ist mittelmäßig. Die Charaktere neben den drei Hauptfiguren sind maximal Abziehbilder verschiedenster Klischees und die Geschichte rund um die Lösung des Problems wirkt wenig glaubwürdig.

Insgesamt also ein Drehbuch, das hinter seinem Potenzial zurückbleibt, für die Geschichte, die es erzählen will und den Rahmen, den es für Gags und rührende Szenen schafft, aber völlig ausreichend ist. Eben Mittelklasse.

Warum ist der Film besonders?

Das klang jetzt doch sehr negativ. Aber ich bin trotzdem ein Fan des Films. Denn Palm Springs ist hervorragend geschnitten, hat ein gutes Pacing und lebt von den beiden Hauptcharakteren, die mit Charisma, aber auch einer gewissen Tiefe, glänzen.

Gerade jetzt, wo am Corona-Horizont langsam wieder ein Licht zu erkennen ist, wirkt der Film wie eine Metapher auf ein Jahr Pandemie: Der Alltags-Trott hat sich zwischen dem Hangeln durch mehrere Lockdowns angefühlt wie eine Zeitschleife.

Spazieren gehen hier, aus dem Homeoffice studieren da. Die Zeit ist zum einen schnell, zum anderen aber irgendwie auch langsam vergangen. Das Zeitgefühl hat gefehlt. Wie bei Nyles im Film, der auch kein wirkliches Gefühl für seine Umgebung mehr hat.

Fazit

Palm Springs glänzt durch seine charismatischen Protagonisten, den Montagerhythmus und ein besonderes Ausgangsszenario: Es gibt zwei Personen, die zusammen in einer Zeitschleife feststecken und ihre Liebe füreinander entdecken. Aber will man den Rest seines Lebens zusammen verbringen an einem Tag, der immer langweiliger wird?

Der Film von Max Barbakow wirft interessante Fragen auf und überzeugt mit einem guten Mix aus Komödie, Tragödie und Romanze. Aber das Grundprinzip ist schon lange nichts mehr Neues und der Streifen deshalb ziemlich vorhersehbar.

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Hat zwar eigentlich kaum Bezug zum Ort Palm Springs in Kalifornien, aber trotzdem ein guter Film.

Und trotzdem ist Palm Springs empfehlenswert, auch wenn der Name des Films eigentlich keine Rolle spielt, da der namensgebende Ort in Kalifornien nur als Kulisse dient und wenig mit der Handlung zu tun hat. Und was sich außerdem feststellen lässt: Auch wenn wir in Sachen Zeitschleifen-Filme mittlerweile wohl auch irgendwie in einer Zeitschleife stecken, weil es echt eine Vielzahl aus diesem Subgenre gibt, bietet fast jeder dieser Filme seine eigenen Besonderheiten mit sich, die das Genre wiederum bereichern:

Bei „Edge of Tommorow“ war es das Science-Fiction-Setting mit Aliens und Raumschiffen, bei Matroschka, der kleinen, aber feinen Netflix-Miniserie war es das Format als Serie, und bei Palm Springs ist es jetzt eben die zweite Person, die ebenso in der Zeitschleife feststeckt und ganz eigene Probleme damit hat.

Bewertung: 3.5 out of 5 stars

Übrigens: Den Film gibt es ab 9. Juli auch auf Blu-Ray und DVD! Wie fandet ihr Palm Springs? Habt ihr ihn schon gesehen, oder wollt ihr nach fast sieben Monaten Kinoschließungen endlich mal wieder in eines der Lichtspielhäuser? Schreibt das gerne in die Kommentare. Bezüglich neuer Kinofilme erwartet uns bald auch „A Quiet Place 2“. Um darauf vorzubereiten, habe ich mir nochmal den ersten Teil angesehen. Meine Kritik dazu findet ihr hier.

3 Gedanken zu „Palm Springs Kritik: Und täglich grüßt der gleiche Film

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