Pearl zeigt dem Amerikanischen Traum den Mittelfinger! Filmkritik zum Horror-Slasher

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Ti West hat es erneut geschafft! Nach dem Horrorfilm X Anfang des Jahres bringt er jetzt mit Pearl die Vorgeschichte zum Slasher. Und damit hatte ich so viel Spaß wie schon lange mit keinem Film mehr, auch wegen der fantastischen Mia Goth.

Worum geht’s in Pearl?

Pearl (Mia Goth) ist eine junge Frau, die im Jahr 1918 auf dem Bauernhof ihrer Eltern die Kühe melkt, den Hühnerstall ausmistet und sich um ihren kranken Vater kümmert, der nicht mehr laufen kann. Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, ist ihr Verlobter an die Front gezogen, um sich den Deutschen zu stellen. Und hat Pearl mit einer strengen Mutter und einem trostlosen Bauernleben daheim zurückgelassen.

Doch Pearl will eigentlich Filmstar werden, den Amerikanischen Traum der absoluten Freiheit leben und dabei endlich aus ihrem alten Leben ausbrechen. Was sie dafür alles tut und welche sadistischen Neigungen sich in ihr auftun, erfahren wir im neuen Film von Genre-Meister Ti West (The House of the Dead, V.H.S).


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Filmkritik zu Pearl (2022)

Als ich im April den Film X hier auf dem Blog besprochen habe, war ich vor allem von der ersten Hälfte des Slashers begeistert. Es ging um eine Pornofilm-Crew, die sich ins tiefste Texas verirrt und da auf eine gruselige Horror-Familie trifft. Die Mutter der Familie heißt Pearl und ist eine alte Schabracke, die sich aber ganz gut aufs Ermorden von aufstrebenden Pornostars versteht. 

Und genau um diese Pearl geht es jetzt auch im gleichnamigen Prequel zu X. Gespielt von Mia Goth erleben wir die Vorgeschichte der Serienmörderin und wie sie zu der Frau geworden ist, die in X auftritt. Und ich kann es direkt zugeben: Mich hat dieser Film so sehr unterhalten und begeistert wie lange nichts mehr aus dem Genre! Und er schafft es sogar, den direkten Vorgänger X zu übertreffen. Aber der Reihe nach…

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Ti West und eine grandiose Inszenierung

Pearl Filmkritik
Ein Gesicht, das im Kopf bleibt: Mia Goth in Pearl (2022).

Während sich X (2022) noch klar an der Slasher-Film-Ästethik der 70er- und 80er-Jahre orientiert hat, sieht das bei Pearl schon direkt am Anfang ganz anders aus: Ebenso wie in X starten wir mit einer Kamerafahrt aus der Scheune neben dem Haupthaus. In X ist diese Perspektive fast wie in einem Pornofilm inszeniert, wie ich auch schon in meiner Kritik festgestellt habe. 

In Pearl ist diese erste Kamerafahrt aus der Scheune nun ganz anders: Wir erleben eine farbenfrohe Welt, öffnen uns der Lebenskraft, die im bäuerlichen Alltag von Pearl und ihrer Familie steckt. Wir starten in diesen Film fast wie in ein Märchen, mit einer ebenso bunten wie einladenden Ästethik.

Da wird der Kontrast, den wir später erleben, nur noch viel deutlicher. Denn Pearl ist einer der blutigsten, brutalsten Filme des Jahres und spart das auch in seiner Inszenierung nicht aus. Ti West ist hier ein phänomenaler Kontrast nicht nur innerhalb des Films, sondern auch zum Vorgänger X gelungen: Eine veränderte Bildsprache, ein schnelles Erzähltempo und ein ganz anderer Stil machen Pearl zu einer Fortsetzung, die kaum mehr was mit dem Orginal zu tun hat. Und das will der Film auch gar nicht. Gerade deswegen eignet sich Pearl auch für all jene, die X noch nicht gesehen haben (was ihr aber definitiv tun solltet, weil auch das ein toller Film ist!).

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Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Die perfekte Idylle, die Pearl in seinen ersten Minuten kreirt, wird allerdings schnell zunichte gemacht. Während sich X deutlich mehr Zeit für seine Charaktere nimmt, kommt Pearl direkt zur Sache: Und das ganz wortwörtlich. Denn die junge Frau will aus ihrem langweiligen Leben ausbrechen und dafür ist ihr jedes Mittel recht.

Das der neue Film von Ti West ein Slasher ist, daraus macht der Regisseur kein Geheimnis. Schon kurz nach dem Vorspann wissen wir, worauf die Geschichte wohl hinauslaufen wird. Das macht die grandiose Inszenierung und das unglaublich gute Schauspiel von Mia Goth aber nur noch besser!

Die farbenfrohe Inszenierung einer perfekten Idylle wird nämlich schnell zerstört, wenn Pearl sich mit Mistgabel bewaffnet daran macht, sich durch ihre Mitmenschen zu schlachten. Dann zeigt der Film seine wahre Seite. Eine verdammt nochmal gute Seite!

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Wie dich der Amerikanische Traum verdirbt

pearl mia goth
Pearl wächst behütet, aber streng auf einem Bauernhof im frühen 20. Jahrhundert auf. Für immer will sie aber nicht das unschuldige Bauernmädchen bleiben.

Erzogen von einer strengen Mutter und einem kranken Vater lebt Pearl anfangs ein langweiliges und bescheidenes Leben. Eigentlich will sie nur ausbrechen aus ihrem Zuhause, raus in die Welt, Schauspielerin werden. Sie ist dem Amerikanischen Traum verfallen, dem selbst heute noch die Massen hinterherrennen. Er verspricht Freiheit, Reichtum, unendliche Möglichkeiten.

Und vor allem eines: Dass jeder den Aufstieg schaffen kann, wenn er sich nur genug anstrengt. Pearl tut das im Film auch. Sie will beim Casting für eine Tanzshow gewinnen und trainiert deshalb jeden Tag und jede Nacht. Am Ende wird sie enttäuscht, man “suche jemand jüngeres mit blonden Haaren”. Der Traum geplatzt und das aufgrund von Oberflächlichkeiten?


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Pearl erzählt mit diesem Casting von einem Sittenkorsett, das auch in dem Jahrzehnte später spielenden Film X noch eine Rolle spielt. Wie schon 1918 wird die Gesellschaft auch in den 70er-Jahren und sogar heute noch durch Geschlechterklischees, Marktinteressen einer kapitalistischen Elite und verquere Schönheitsideale eingeengt. Der versuchte soziale Aufstieg von Pearl in die Unterhaltungsindustrie wird als Symbol des Amerikanischen Traums dekonstruiert. Während im Ersten Weltkrieg gestorben wird, inszeniert man Spektakel für das Volk. Das wird so richtig deutlich, als Ti West in einer grandios koreographierten Tanznummer die Bühnenshow und das Schlachtfeld zu einer abstrusen Einheit vermischt.

Das alles fast Hauptdarstellerin Mia Goth in einem in den Bann ziehenden Monolog am Ende des Films dann auch noch passend zusammen. Schon wegen der sozialen Ungleicheit und der drohenden Gleichförmigkeit in einem misogynen System als Tänzerin wird bei Pearl ein Schalter umgelegt, der ihren Wandel zur Slasher-Queen sogar nachvollziehbar erscheinen lässt. 

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Fazit und Bewertung

Wer Mia Goth nicht ohnehin längst durch Filme wie Nymphomaniac oder Suspiria kennt, sollte die Schauspielerin spätestens durch ihren minutenlangen Monolog und ihr einprägendes Gesicht am Ende des Films auf dem Schirm haben. Hier könnte nicht nur Ti West, sondern auch ihr der Sprung zur Horro-Ikone gelungen sein!

Und wir bekommen ja bald sogar schon wieder Nachschub sowohl von ihr als auch vom Regisseur: Der Film Maxine soll die Geschichte der einzigen Überlebenden von X, der gleichnamigen Frau, weitererzählen. Aber mit Pearl haben wir auf jeden Fall schon jetzt eines der Film-Highlights des Jahres gesehen.

Eine grandiose Inszenierung gepaart mit interessant erzählter Gesellschaftskritik und ein paar sehr guten Schauspielern lassen die dünne Handlung und ein paar Längen ganz schnell vergessen. Und eigentlich ist Pearl ja die perfekte Origin-Story für jeden Slasher-Mörder, oder? Wann wir den Film in Deutschland zu Gesicht bekommen, steht übrigens noch nicht fest. Wenn ein Kinostart bekannt ist, werde ich das aber hier natürlich aktualisieren!


Clever, schwarzhumorig und unglaublich brutal. Pearl erzählt von der einstürzenden Lebenswelt einer jungen Frau Anfang des 20. Jahrhunderts. Und dekonstruiert ganz nebenbei noch den Amerikanischen Traum. Horror auf allerhöchstem Niveau!

Bewertung:

4,5


Ein Kinostart für Pearl ist noch nicht bekannt. Ich konnte den Film vorab sehen.

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Lukas Egner

Ich bin der Gründer von filmfreitag und schaue leidenschaftlich gerne Filme und Serien aus jedem Genre. Ich bin 21 Jahre alt, studiere momentan Politik- und Medienwissenschaften und schreibe als freier Autor für verschiedene Film- und Videospielmagazine.

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