Quentin Tarantino: Meister der Spannung

Die Filme von Quentin Tarantino haben Kultstatus. Und sie spielen oft mit den Erwartungen der Zuschauer. Unser Gastautor Simon schaut sich heute zwei besondere Szenen aus Inglourious Basterds an, die mit cleveren Mitteln die Spannung beim Zuschauer fast ins Unendliche steigern.

Einführung

Kaum ein Filmemacher beherrscht das Element der Spannung so gut wie Quentin Tarantino. Für Tarantino typisch: Lange Szenen mit ausschweifenden Dialogen. Anders als gewöhnliche Filmdialoge wirken die von Tarantino nicht künstlich und konstruiert, sondern natürlich und spontan. Nicht alles, was in seinen Dialogen geredet wird, treibt die Story voran. Vieles ist vollkommen belanglos.

Szenen von solcher Länge brauchen vor allem eine Sache, damit sie nicht langweilig werden: Spannung. Tarantino nutzt dabei vor allem ein sehr bekanntes Prinzip, das Alfred Hitchcock einmal mit „Die Bombe unter dem Tisch“ betitelte. Diese Technik will ich mir heute anhand der zwei großen Szenen aus seinem Meisterwerk Inglorious Basterds etwas genauer anschauen.

Die Bombe unter dem Tisch

alfred hitchcock
Perfektionierte das Prinzip der Bombe unter dem Tisch: Alfred Hitchcock. (Quelle: Wikipedia)

Hitchcock erklärt das Prinzip der Spannung an einem konkreten Beispiel. Nehmen wir eine einfache Szene: Eine Hand voll Leute sitzt zehn Minuten an einem Tisch, dann geht eine Bombe in die Luft, die an der Unterseite des Tisches befestigt war. Das Ergebnis? Ein paar Sekunden Anspannung und Herzklopfen, wenn die Bombe explodiert. Was jedoch, wenn wir dem Zuschauer zehn Minuten vor der Explosion sagen, dass unter dem Tisch eine Bombe liegt und diese in zehn Minuten in die Luft gehen wird?

Dann haben wir zehn Minuten höchste Spannung, weil wir als Zuschauer diese Information haben und wissen, was passieren wird. Das ist also das ganze Prinzip: Wir geben dem Zuschauer eine Information, die Bombe, und spielen mit der Zündschnur, bis wir sie endgültig hochgehen lassen. In Inglourious Basterds wird dieses Prinzip hervorragend umgesetzt, aber auch in Horrorfilmen ist es ein beliebtes Mittel zur Erzeugung von Spannung. Der neue Film A Quiet Place 2 setzt das Prinzip beispielsweise anschaulich um. Die Kritik dazu gibt es hier.

Das Prinzip der Bombe in Inglorious Basterds

Tarantino nutzt dieses Prinzip in fast all seinen langen Szenen. Es ist natürlich mehr ein abstraktes Prinzip als eine konkrete Methode und findet sich deshalb in vielen Filmen in mehr oder weniger stark ausgeprägter Form wieder. In Tarantinos brutaler Nazi-Komödie Inglorious Basterds, die Christoph Walz, der den SS-General Hans Landa verkörpert, einen Oscar eingebracht und eine Karriere in Hollywood ermöglicht hat, lässt sich dieses Prinzip aber besonders gut beobachten. Wir schauen uns deshalb die zwei großen Szenen aus dem Film genauer an: Einmal die Eröffnungsszene im Hause „LaPadite“ und die Pub-Szene etwas später im Film.

Das Setup für die Explosion

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In den ersten 10 Minuten von Inglourious Basterds wird deutlich: Hier versteckt sich die sprichwörtliche Bombe unter dem Tisch! (Quelle: Universal Pictures)

Inglorious Basterds beginnt im besetzen Frankreich mit der Ankunft von SS-Offizier Hans Landa, auch „Judenjäger“ genannt, bei dem kleinen Haus der Familie LaPadite. Er sucht die Dreyfus, eine jüdische Familie. Monsieur LaPadite bittet ihn in sein Haus herein. Es beginnt ein Gespräch, das allein schon durch die Involviertheit des SS-Offiziers und seiner Art des Auftretens spannungsgeladen ist. Die wirklich nervenaufreibenden Minuten beginnen jedoch erst, wenn uns die Bombe unter dem Tisch offenbart wird.

In diesem Fall durchaus etwas wörtlich zu nehmen: Mitten im Gespräch fährt die Kamera plötzlich am Tischbein entlang bis unter die Dielen des Fußbodens. Die Kamera offenbart uns, dass die Familie Dreyfus sich hier unter dem Fußboden versteckt hält, nur einen halben Meter vor den Füßen des „Judenjägers“ Hans Landa. Der erste Schritt ist damit getan: Tarantino hat uns die metaphorische Bombe unter dem Tisch gezeigt und die Uhr tickt – wird Landa dem Geheimnis auf die Spur kommen?

Die zweite Szene findet sich ziemlich in der Mitte des Films. Die Inglorious Basterds betreten eine Bar/ ein Pub und genehmigen sich dort den ein oder anderen Drink. Die Bombe ist hier bereits von Anfang an gegeben: Wir wissen, dass sie amerikanische Spione sind und der Raum voll mit Nazis ist. Jede Kleinigkeit könnte sie auffliegen lassen und die Bombe zum Explodieren bringen.

Die Uhr tickt, die Explosion nähert sich

Die Bombe ist platziert und der Zuschauer weiß davon – jetzt beginnt der spannungsgeladene Countdown. In der Eröffnungsszene scheint es zunächst, als hätte Hans Landa alle Informationen, die er wollte. Dann holt er seine Pfeife heraus und beginnt sie zu rauchen. Der Form und Größe nach ist es jedoch nicht irgendeine Pfeife – es ist dieselbe, die auch der Meisterdetektiv Sherlock Holmes benutzt. Ein nettes kleines Detail von Tarantino, das uns als Zuschauer einmal mehr signalisiert: Die Bombe ist noch nicht entschärft.

Er beginnt über seinen Erfolg zu reden, den er als Judenjäger hat und wieso er so gut darin ist, Juden aufzuspüren. Die Explosion der Bombe steht kurz bevor.

Auch in der zweiten Szene spitzt sich die Situation zu, als zunächst ein betrunkener deutscher Oberfeldwebel und anschließend der SS-Sturmbannführer, gespielt von August Diehl, auf den seltsamen Akzent von Lieutenant Archie Hicox aufmerksam werden. Er kann sich zunächst herausreden, doch August Diehl nimmt an ihrem Tisch Platz. Die Spannung steigt weiter und es ist nun an der Zeit, die Bombe hochgehen zu lassen.

Die Explosion

inglourious basterds drehbuch
Die Szene aus Inglourious Basterds im Drehbuch.

Die Spannung ist nicht mehr auszuhalten. Jetzt ist es an der Zeit für den Höhepunkt. In der Opening-Szene kommt es nach der Sherlock-Pfeife und ausschweifenden Erläuterungen der Fähigkeiten von Hans Landa zum Showdown. Es wird für einen kurzen Moment komplett still. Hans Landa blickt Monsieur LaPadite mit dem „Ich weiß was hier abgeht“-Blick an. LaPadite weiß, dass er verloren hat. 

Perrier LaPadite muss die Dreyfus verraten. Hans Landa holt seine Soldaten ins Haus, zeigt ihnen die Stelle, unter der sie sich verstecken, dann wird der Fußboden mit hunderten Kugeln durchsiebt. Die Spannung gipfelt in einem ultimativen Höhepunkt.

Ähnlich in der zweiten Szene. Michael Fassbender, der den Leutnant spielt, bestellt drei Drinks und begeht dabei einen folgenreichen Fehler: Er zeigt mit seiner Hand drei Finger – doch auf die amerikanische Weise mit den mittleren drei Fingern. Wir sehen, wie der SS-Sturmbannführer auf seine Hand blickt und es endgültig zu realisieren scheint. Das deutsche Publikum, das weiß, dass die Deutschen die Drei mit den ersten drei Fingern der Hand zeigen, erkennt den Fehler sofort, das amerikanische Publikum erfährt es erst ein paar Minuten später, als es erklärt wird.

inglourious basterds finger
Drei Finger, die die Inglourious Basterds verraten und damit die Bombe zum Platzen bringen. (Quelle: Universal Pictures)

Doch der Blick des Sturmbandführers lässt auch beim amerikanischen Publikum die Bombe explodieren. Das Besondere in dieser Szene: Die beiden beginnen nun einen finalen, kurzen Dialog, wohlwissend, dass es ihr letzter sein wird. Dann beginnt Feldwebel Stiglitz alias Til Schweiger mit den Worten „Say Auf Widersehen to your Nazi balls“ die typische Tarantino- Schießerei mit viel Blut und wenig Überlebenden.

Fazit

Quentin Tarantinos Szenen sind einzigartig. Kein anderer Filmmacher könnte es sich leisten, dem Publikum eine 20-minütige Szene, die an einem einzigen Tisch spielt und aus wenig Handlung, dafür aber aus viel Dialog besteht, zuzumuten. Tarantino kann das – weil er ein Meister der Spannung ist und es mit dem Prinzip der Bombe schafft, einen sich immer steigernden Spannungsbogen über die Szene zu legen.

Das richtige Geben und Zurückhalten von Informationen gegenüber dem Zuschauer gehört zum grundlegenden Werkzeug jedes Filmemachers, doch nur wenige beherrschen es so gut wie Quentin Tarantino, wie man in diesen zwei Szenen aus Inglourious Basterds gut beobachten konnte.

In eine ganz andere Kerbe von Filmen schlägt übrigens Godzilla vs Kong. Die Kritik zur Monsterkloppe findet ihr hier. Und wenn ihr mehr Kolumnen dieser Art lesen wollt, die Filme und andere Medien auf ihre ganz eigene Art beleuchten, klickt euch doch mal durch die Liste an Kolumnen hier auf filmfreitag.de!

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