Regenbogenflagge: Wie politisch ist das Unpolitische?

Bei der Europameisterschaft lässt die UEFA die Regenbogenflagge für die Allianz Arena nicht zu. Sie argumentiert mit den Statuten der Organisation, nach der sie unpolitisch ist und ein solches Zeichen nicht zulässig wäre. Anlässlich dieses heiß diskutierten Falls möchte ich heute mal das Politische in der Film- und Serienwelt betrachten und zeigen, dass es auch hier niemals eine Trennung von Politischem und Unpolitischem gab und gibt.

Was ist politisch, was ist unpolitisch?

Mit der Frage danach, was politisch ist und was nicht, beschäftigen sich Philosophen wohl schon seit Anbeginn der Zeit. Und deswegen gibt es darauf auch keine klare Antwort. Laut dem umstrittenen und durchaus als opportunistisch anzusehenden Staatsrechtler Carl Schmitt ist das Politische die Unterscheidung von Freund und Feind.

Wer dieses schwarz-weiß-Denken verinnerlicht, ist laut ihm auch dazu bereit, für seine politischen Überzeugungen zu sterben. Laut seiner Theorie im „Begriff des Politischen“ ist also nicht alles politisch, aber die Freund-Feind-Einteilung macht einen Konflikt politisch.

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Carl Schmitt: Ein umstrittener Staatenrechtler, der das Politische als Freund-Feind-Gegensatz erklärt.

Natürlich will ich es aber bei dieser Definition nicht belassen. Im neueren Sprachgebrauch ist das Politische für viele Menschen nämlich zum Beispiel auch alles Private. „Das Private ist politisch“ ist wohl die Floskel, die diese Denkweise am besten zusammenfasst. Demnach ist alles politisch und nichts unpolitisch.

Und dem würde ich mich als Definitionsansatz anschließen: Egal, wo, wie oder mit wem man interagiert, zeigt sich darin immer die politische Haltung eines Menschen. Das fängt schon bei Kleinigkeiten wie der Wahl der Kleidung an und endet nicht mit Diskussionen im Familien- oder Freundeskreis.

Ist die Entscheidung der UEFA also nachvollziehbar?

Um auf das eingangs erwähnte Beispiel der UEFA-Entscheidung zurückzukommen: Mit ihrer Begründung hat die Fußball-Organisation durchaus Recht. Die Allianz Arena in Regenbogenfarben leuchten zu lassen, sendet ein politisches Signal nicht nur nach Ungarn, wo die Regierung LGBT-feindliche Gesetze erlassen will, sondern in die ganze Welt.

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Möglich, aber scheinbar unerwünscht: Die Münchner Allianz Arena in Regenbogenfarben.

Aber um dieses Signal als politisches aufzufassen, muss man auch Menschenrechte und Diskriminierungsfreiheit als etwas Politisches betrachten. Und laut meiner oben genannten Begründung sind sie das auch: Durch Menschenrechte grenzen wir uns von anderen Ländern ab und zeigen auf, dass wir eine Politik der Nicht-Diskriminierung anstreben.

Das, womit viele, mir eingeschlossen, wohl eher ein Problem haben, ist der Fakt, dass die UEFA damit einen widersprüchlichen Präzedenzfall schafft: Auf der einen Seite setzt man sich für Gleichheit und Menschenrechte ein, auf der anderen Seite lässt man Symbole für ebendiese Bestrebungen nicht zu. In diesem Sinne ist die Entscheidung der UEFA nicht nur heuchlerisch, sondern auch in sich inkonsistent. Und klar ist auch: Menschenrechte und Anti-Diskriminierung sind zwar politisch, das heißt aber nicht, dass sie keinen Raum in der Öffentlichkeit verdienen. Viel eher ist das Gegenteil der Fall!

Sind Filme und Serien politisch?

Um es kurz zu machen: Ja! Aber schlüsseln wir das doch mal auf: Alle Medien, die wir konsumieren, dienen verschiedenen Zwecken. Wir lesen ein Buch, um uns weiterzubilden. Wir schauen in die aktuelle Zeitung, um uns zu informieren. Und wir gehen ins Kino oder setzen uns vor den Fernseher, um unterhalten zu werden.

Aber bei all diesen Beispielen spielt das Politische eine wichtige Rolle: Lesen wir ein Sachbuch, sollten wir uns immer über den Autor des Buchs Gedanken machen. Dieser Hintergrund ist wichtig, um die Intention des Autors zu verstehen.

Bleiben wir beispielsweise bei Carl Schmitt, den ich im ersten Kapitel erwähnt hatte: Der schrieb zwar ein sehr interessantes Buch, war aber auch Mitglied der NSDAP. Dadurch muss man sich zwangsweise die Frage stellen, wie viel Ideologie dieses menschenverachtenden Regimes in seinem Schreiben liegt.

Und das ist bei Filmen und Serien nicht anders. Sie werden von Menschen und Studios gemacht, die selbst immer eine bestimmte Agenda, mal mehr, mal weniger stark, verfolgen. Schaut man sich etwa aktuelle Blockbuster wie „Fast and Furious“ oder „Transformers“ an,  kommt es nicht von ungefähr, dass dort oft nicht nur die Drehorte in China liegen, sondern auch viele Darsteller aus dem Reich der Mitte kommen. Klar, der chinesische Kinomarkt wird immer wichtiger. Aber sollte Dinsey dafür wirklich eine Szene aus „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ streichen, in der sich zwei Frauen küssen, nur um den chinesischen Zensurbehörden zu entsprechen?

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Nicht ohne Grund einer der erfolgreichsten Filme in China: „Transformers 4“ spielt in Hongkong.

China will sein Bild im Westen aufpolieren und dabei möglichst gut wegkommen. Aber natürlich betrifft das ganze nicht nur China. Auch die USA wollen ihre Ideale in die Welt verbreiten. Filme wie „Top Gun“ sind da das Paradebeispiel für Militärpropaganda.

Und schließlich sind auch Filme und Serien, in denen marginalisierte Gruppen auftreten, immer politisch. Die wichtigste Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist: Wieso heißen wir manche Filme mit ihren politischen Botschaften gut und andere nicht.

Diese Frage wird sich wohl nie zufriedenstellend beantworten können. Es lässt sich aber sehr wohl aufzeigen, dass in verschiedenen Kulturen und machtpolitischen Zentren unterschiedliche politische Signale als akzeptabel gelten.

Wer entscheidet über das „gute“ Politische?

Eine weitere Frage stellt sich wohl im Bezug auf die Entscheidung darüber, wer darüber entscheidet, was wir als das „gute“ Politische sehen und was wir ablehnen würden. Warum akzeptieren viele Menschen die Darstellung von LGBT-Menschen in Filmen und Serien im Westen und warum in anderen Teilen der Welt nicht?

Vermutlich, weil wir anders sozialisiert sind und kulturell den europäischen Werten nachstreben, während z.B. Saudi-Arabien oder der Irak vollkommen andere Werte vertreten. Und ich weiß, dass das durchaus eine problematische Sichtweise auf die Dinge ist, weil sie z.B. das Eintreten für Menschenrechte als etwas kulturell verwurzeltes und nicht universell angestrebtes ansieht.

Aber anders kann ich mir die auf unsere Welt vorliegende Situation nicht erklären. Es entscheidet also keine irgendwie geartete Instanz über das für ihre Gesellschaft akzeptable Politische, sondern die Gesellschaft selbst. Und genau deshalb ist es wichtig, eben v.a. marginalisierte Gruppen mehr in den Fokus dieser Gesellschaft zu rücken.

Fazit

Das Verbot der UEFA, die Allianz Arena in Regenbogenfarben zu erleuchten, setzt also trotz der Intention, kein politisches Statement zu setzen, trotzdem eines. Denn durch das Verbot sendet man das politische Signal aus, im Ernstfall eben nicht zu den eigens beworbenen Werten zu stehen. Bei Filmen und Serien ist das anders: Hier werden bewusst politische Statements gesetzt, egal ob der Konsument diese erkennt oder nicht. Filme und Serien sind immer politisch. Manche Vertreter des Mediums nutzen diese Eigenschaft als Chance, auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen oder marginalisierte Gruppen besser sichtbar zu machen, andere als billige Propaganda.

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Gerade Minderheiten sollten in einer aufgeklärten und den europäischen Werten verschriebenen Gesellschaft sichtbar gemacht werden.

Da der Juni für die LGBT-Community als Pride-Month gilt, möchte ich hier auch noch einen kleinen Film empfehlen, der eigentlich gut zum Thema passt: „Love, Simon“ ist wohl einer der ersten Filme aus Hollywood, der einen offen homosexuellen Protagonisten hat und durch seine Themenauswahl die Probleme junger Menschen, die mit ihrer Selbstfindung zu kämpfen haben, sehr gut aufzeigt. Meine Kritik zum Film, der auch auf Netflix anschaubar ist, gibt’s hier.

Was sagt ihr zum Thema? Schreibts mal unten in die Kommentare!

3 Gedanken zu „Regenbogenflagge: Wie politisch ist das Unpolitische?

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