Squid Game Kritik: Wie gut ist die Netflix-Hype-Serie wirklich?

Kinderspiele kombiniert mit brutaler Folter: Der Netflix-Hit Squid Game ist gerade in aller Munde. Doch wie gut ist die Serie aus Südkorea wirklich und wird sie den Erwartungen gerecht? Finden wir es heraus!

Um was geht’s?

Seong Gi-hun (Lee Jung-jae) schlägt sich in seinem Leben mit kleinen Aushilfsjobs und dem Geld seiner Mutter durch. Sobald Zaster auf der hohen Kante liegt, wird es für Glücksspiel ausgegeben. Er ist also ein ziemlicher Looser und hat zudem kaum noch Kontakt zu seiner Tochter. Doch als er eines Tages an einer Metrostation in Seoul einem mysteriösen Mann begegnet, der ein Spiel mit ihm Spielen will, bei dem er nur gewinnen kann, willigt er ein.

Durch einen zugesteckten Brief wird er zu Spielen eingeladen, bei denen er unglaubliche Mengen Geld gewinnen kann. Da er sich vor Gläubigern kaum retten kann, erscheint ihm die Chance auf Millionen sehr verlockend. Was er nicht weiß: Bei den sechs Kinderspielen, die er gewinnen muss, geht es um Leben und Tod.

Während der Spiele lernt Seong Gi-hun neue Leute kennen, die sich zu Freunden oder Feinden entwickeln und auch über ein Wiedersehen mit seinem Bruder kann er sich freuen- oder auch nicht.


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Eine tolle Idee

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Die Netflix-Serie Squid Game wartet mit der tollen Idee auf, Kinderspiele aus Südkorea zu tödlicher Folter umzufunktionieren. (Quelle: Netflix)

Squid Game ist wohl die große Überraschung des Jahres auf Netflix: Innerhalb weniger Wochen hat sich die südkoreanische Serie zu einer der meistgesehenen Serien auf der Streaming-Plattform entwickelt. Und auch ich hatte davon gehört: Squid Game wurde plötzlich mit Breaking Bad verglichen, mit Game of Thrones oder den Sopranos. Die Miniserie soll mindestens so gut sein wie die altehrwürdigen Serienhits. Aber ich hatte meine Erwartungen nicht ganz so hochgeschraubt. Zu oft schon wurden neue Serien mit Vergleichen zu den ganz Großen geprießen und haben mich dann enttäuscht. Zuletzt etwa The Witcher, ebenfalls auf Netflix, das zwar ganz unterhaltsam ist, aber in keinster Weise mit Game of Thrones oder Herr der Ringe mithalten kann.

Nun gut. Aber zurück zu Squid Game: Im Prinzip beruht die Idee der Serie darauf, 456 Erwachsene Spiele für Kinder spielen zu lassen, bei denen man jedoch getötet wird, wenn man verliert. Ziemlich verrückt und dennoch erfrischend interessant. So spielen die Teilnehmer etwa direkt zur Einführung eine Abwandlung des auch bei uns in Deutschland beliebten Kinderspiels „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“. Eine gruselig anmutende Puppe in doppelter Menschengröße schreit aus Lautsprechern „Rotes Licht, grünes Licht“ und sobald sie sich danach umdreht, werden die Spieler erschossen, die sich noch bewegen. Wer innerhalb einer gesetzten Zeit nicht am Ziel ankommt, wird ebenfalls „disqualifiziert“, wie die Macher der Spiele das Abschlachten der Menschen euphemistisch bezeichnen.

Im Laufe der Staffel werden noch fünf weitere derartige Spiele gespielt, die aber immer einen eigenen Kniff haben. Und sie werden immer tiefgreifender und moralisch schwieriger. Später geht es nicht mehr nur darum, sich selbst ins Ziel zu retten, sondern auch darum, als Paar oder Team zu spielen und gegen Andere ums Überleben zu kämpfen.

Dabei wirft die Serie immer wieder schwierige moralische und ethische Fragen auf, die nicht nur die Teilnehmer des Squid Games beantworten müssen, sondern auch den Zuschauer vor dem Fernsehgerät eine Entscheidung abverlangen, die nie die eindeutig richtige ist. Und auch wenn die Netflix-Serie in manchen Momenten doch etwas vorhersehbar ist und oft auch an Filme wie Battle Royale oder The Hunger Games erinnert, bringt sie dem Genre der Überlebensspiele neue Ideen und hervorragende Dilemma, vor die uns noch nichts dergleichen gestellt hat.

Eine Umsetzung mit Schwächen

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Hinter den Spielen steckt natürlich eine größere Verschwörung. Hier zu sehen nur einer der mysteriösen Männer hinter dem Squid Game. (Quelle: Netflix)

Ich habe jetzt viel Lob für die Serie übrig gehabt. Aber leider ist nicht alles Gold, was glänzt. Und das bewahrheitet sich auch bei Squid Game: Klar, die einzelnen Spiele, die gespielt werden, sind eindeutig das Highlight. Sie sind spannend inszeniert und fesseln an den Bildschirm. Sie stellen schwierige moralische Fragen und trumpfen mit gut gemachter Action auf. Aber die Serie hat vor allem am Anfang das Problem, den Zuschauer kaum bei der Stange zu halten. Die erste und zweite Folge beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Protagonisten Seong Gi-hun und dessen Hintergrundgeschichte.

Aber zum einen ist seine Lebensgeschichte nichts, was man nicht auch schon aus anderen Filmen und Serien dieser Art kennt. Klar, er ist ein Looser, er braucht das Geld und natürlich hat er auch eine schwierige Beziehung zu seiner Tochter, seiner Frau und zusätzlich noch zu seiner Mutter. Aber muss man, um dem Zuschauer das zu erklären und aufzuzeigen, wirklich zwei ganze Folgen verschwenden? Nun gut, die erste Folge beinhaltet zum Glück noch das erste Spiel als kleines Highlight. Aber die zweite Folge wirkt wie ein Filler, wie etwas, dass man schon in der ersten Folge hätte erzählen können.

Dazu kommt noch ein zweiter Nebenhandlungsstrang, der sich über die ganze Staffel der Miniserie zieht und zeitgleich zur Haupthandlung rund um das Squid Game spielt. Ich will nicht zu viel verraten, nur so viel: Es geht um einen Agenten, der herausfinden will, wer hinter den diabolischen Spielen steckt, bei denen sich regelmäßig hunderte Verschuldete opfern. Und dieser Handlungsstrang hat das gleiche Problem wie der oben erwähnte aus den ersten beiden Folgen: Er ist zu lang und zu uninteressant.

Auch hier hätten der Serie ein oder zwei Folgen weniger, aber dafür eine straffere und durchgängig interessante Handlung gut getan. Denn wie schon gesagt, der Rest von Squid Game ist zumeist hervorragend.

Ein hoher Produktionswert

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Squid Game schaut richtig gut aus. Nicht nur die Kameraarbeit passt, auch die Musik wirkt stimmig. (Quelle: Netflix)

Kommen wir nach der ganzen Kritik mal wieder zu etwas Positivem: Squid Game ist, abgesehen vom in seiner Qualität schwankenden Drehbuch, in den allermeisten Momenten eine hervorragend inszenierte Serie. Die Kamera ist auf dem für Netflix gewohnt hohen Niveau und wirkt durch subtile Kamerafahrten, Schwenks und Ähnlichem immer wieder indirekt auf die Handlung und ihre Erzählweise ein. Und sie hält, überraschend für die Altersempfehlung von 16 Jahren, auch oft sehr lange und sehr direkt auf einzelne Szenen drauf. Wenn etwa für mehrere Sekunden ein vollkommen aufgeplatzter Kopf inklusive Gehirn zu sehen ist, kann das für manch einen schon schwer verdaulich sein.

Auch die Musik ist fast schon genial. Denn sie ist in manchen Momenten sehr subtil und wenig aufdringlich eingesetzt. Da ist mir vor allem die Flötenmusik ohne weitere Instrumente im Kopf geblieben. In anderen Momenten ist sie der Szene entsprechend brachial komponiert. Und in wieder anderen Situationen setzt eine klassische Melodie, wie etwa die Melodie aus „An der schönen, blauen Donau“ von Johann Strauss ein. Insgesamt ein abwechslungsreicher, interessant ausgewählter Soundtrack, der der verrückten Serie mehr als gerecht wird.

Und noch eine Sache ist mir in Sachen Produktionswert aufgefallen, die für viele womöglich gar nicht relevant ist und trotzdem interessant zu erwähnen ist: Da die Serie in Südkorea produziert wurde, empfiehlt es sich, in Originalsprache mit Untertiteln zu schauen. Und wenn man dann die Serie genau so konsumiert, wird ein Unterschied im Schauspiel zwischen koreanischen und amerikanischen Schauspielern deutlich.

In Squid Game wird nämlich gerne mal etwas „Overacting“ betrieben, also bestimmte Emotionen und Gefühle sehr deutlich vor die Kamera gebracht. Das kann dann schon mal in Geschrei und wilden Betonung ausarten und fühlt sich deshalb an vielen Stellen wie ein Theaterschauspiel an, bei dem ja, zumindest meiner Meinung nach, Emotionen oft auch nicht gerade subtil rübergebracht werden. Und dieser Unterschied im Schauspiel, besonders im Vergleich zu den amerikanischen Kollegen aus Hollywood, ist interessant und gibt der Serie noch einen weiteren Boden, der gerne dazu ermutigt, auch mal im Originalton zu schauen.


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Eine Priese Gesellschaftskritik

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Hinter jedem Teilnehmer des Squid Game steckt eine Person mit ihrer ganz eigenen Geschichte. (Quelle: Netflix)

Und wie immer gilt auch bei Squid Game: Hinter der doch etwas stumpf wirkenden Fassade der Kinderspiele für Erwachsene mit tödlichem Ausgang steckt ein zweiter Boden, eine tiefergreifende Ebene der Gesellschaftskritik. Die ist bei Squid Game zwar mehr als nur offensichtlich, aber dennoch, besonders in der heutigen, politisierten Welt, hervorzuheben.

Zum einen wirft die Serie die Frage auf, wie weit man eigentlich geht, um sich aus der vermeintlich selbst verschuldeten Armut zu kämpfen. Alle Teilnehmer der Spiele haben sich im Laufe ihres Lebens dermaßen hoch verschuldet, dass sie es als legitime Lösung ansehen, bei drakonisch gestalteten Spielen mitzumachen, die für sie potenziell tödlich enden können.

Die Frage, die sich direkt daran anschließt, ist, inwieweit die Teilnehmer sich tatsächlich selbst verschuldet haben. Der Protagonist Seong Gi-hun hat sein ganzes Geld für Glücksspiele und die hinterhältige Hoffnung auf das schnelle Geld ausgegeben. Er erlag seiner Sucht, einer Sucht, für die er nur bedingt etwas kann. Denn gerade für süchtige Menschen, egal welcher Art, ist es ohne externe Hilfe extrem schwierig, aus der Suchtspirale allein wieder herauszufinden.

Auch Kang Sae-byeok (Jung Hoyeon) wird wohl nur zum Teil selbst an ihrem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg schuld sein. Die aus Nordkorea geflüchtete Frau hat es extrem schwer gehabt, in Südkorea Fuß zu fassen und ist nach und nach immer mehr in einen Sumpf von Schulden geraten.

Und letztendlich trägt auch der Kapitalismus, in dieser Serie (ACHTUNG, minimale SPOILER) verkörpert durch die Finanziers, die die Spiele zur Belustigung und als Wettmöglichkeit veranstalten, seine Schuld an der prekären Situation der Teilnehmer. Nicht nur wird die kapitalistische Ideologie bekräftigt, dass nur durch größtmögliche Anstrengung bei gleichzeitigem größtmöglichem Risiko (in diesem Fall dem Tod) Geld verdient werden kann.

Auch das Ignorieren der Belange anderer und damit der Egoismus des kapitalistischen Systems zeigt sich in Squid Game durch die Spiele, bei denen oft der Beste oder der Egoistischste gewinnt. Das der Kapitalist auch noch als alter, weißer, übergewichtiger und versauter Perverser mit Vergewaltigungsfantasien karikiert wird, tut sein übriges.

Fazit

squid game team
Am Ende kann nur einer Überleben, um das Geld zu gewinnen. Oder doch nicht? (Quelle: Netflix)

Squid Game ist äußerst unterhaltsam. Die einzelnen Kinderspiele mit tödlichem Ausgang sind das Highlight der Netflix-Serie und wirken durch ihre inszenatorische Wucht und die musikalische Untermalung mal verstörend, mal faszinierend, aber immer unterhaltsam. Auch in den ruhigeren Momenten hat die Serie immer wieder emotionale Szenen und vor allem viele, auch für den Zuschauer, interessante moralische Dilemma zu bieten.

Doch  zwei Nebenhandlungsstränge, die viel kürzer sein sollten und ein schwieriger, fast schon langweiliger Einstieg trüben den positiven Eindruck etwas. Auch das Ende ist etwas langgezogen und unnötig komplex erzählt. Ausgeglichen wird das durch die in machen Momenten geniale Kameraarbeit und den allgemein sehr hohen Produktionswert der Miniserie.

Alles in einem ist Squid Game eine unterhaltsame Serie, die man gerne weiterempfiehlt, die aber auch ihre Schwächen und abfallenden Momente hat. Ob sie dem Hype damit gerecht wird, sollte wohl jeder für sich herausfinden. Interessante gesellschaftspolitische Fragestellungen wirft sie allemal auf.

Bewertung

3.5 out of 5 stars

Übrigens: Weil die Serie ja oft genug mit Game of Thrones gleichgestellt wird, habe ich hier mal die besten Folgen der Fantasyserie als Ranking verlinkt. Wer mehr Lust auf Kino hat, kann sich meine Kritik zu The Green Knight zu Gemüte führen oder den Film Palm Springs für sommerliche Gefühle auf Amazon ausleihen, zu dem ich hier auch eine Kritik geschrieben habe.

7 Gedanken zu „Squid Game Kritik: Wie gut ist die Netflix-Hype-Serie wirklich?

  • Pingback: Tanz der Teufel 1 & 2 Kritik: Horrorspaß für Fortgeschrittene | filmfreitag

  • 19. Oktober 2021 um 11:09
    Permalink

    Der Film war sehr gut gemacht, es ist sehr wahr, dass Menschen getötet werden, aber es ist nicht auf brutale Weise und wir dürfen auch die emotionale Seite nicht vergessen, denn wir können sehen, wie sehr manche wirklich berührt sind, wenn ein Teilnehmer stirbt. Von meiner Seite ist es ein sehr guter Erfolg. Ich warte auf die 2. Staffel

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  • 15. Oktober 2021 um 10:54
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    Ich habe mir die erst Folge dieser Serie angesehen und bin entsetzt. Das Töten von Menschen in diesem Ausmaß bei grünem oder rotem Licht erinnert mich an die Zeit ,in der in den deutschen KS’s tausende Menschen ermordet wurden. Solche Handlungen dann auch noch in einem Spiel darzustellen, finde ich entsetzlich. Welches kranke Hirn hat sich solchen Irrsinn einfallen lassen und verdient damit Millionen?
    Moral und Verantwortung der Filmemacher sind wie so vieles in dieser Branche nicht geeignet um niveauvolle Unterhaltung anzubieten.

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    • 17. Oktober 2021 um 10:43
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      Keine Ahnung woher dieser Hype kommt. Möglich das sich viele, vor allem Horror Fans, am tötlichen Ausgang der Spiele ergötzen. Was ja ok ist. Mir ist es auch lieber wenn in solchen Serien die Fetzen fliegen. Blutbäder bieten aber auch andere Serien oder Filme. Da habe ich in der Serie nichts neues gesehen. Die Spiele waren solide spannend. Ich habe ewig nicht mehr Battle Royal gesehen, erinnere mich aber das ich gespannt vor dem Fernseher saß und der Film mich gepackt hat. Kann ich von der Serie hier nicht behaupten. Teilweise zäh und langatmig inszeniert. Der moralische war außerdem voll daneben. Fand zumindest ich. Das einzige was ich bedauert habe, das ausgerechnet der Looser gewinnt. Der kleinen Nordkoreanerin hätte ich den Sieg gegönnt.

      2 von 5 Sternen.

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    • 17. Oktober 2021 um 10:47
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      Es ist keine politische Serie. Und schon gar nicht hat die Serie was mit den Verbrechen der Nazis zu tun. Es gib reichlich Serien und Filme die das töten von Menschen aus unterschiedlichsten Gründen zum Thema hat. Übrigens muss es KZ´s heißen, nicht KS`s.

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    • 17. Oktober 2021 um 13:47
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      Ich kann ja verstehen, wenn du die Serie und ihre Machart nicht gut findest. Geschmack ist subjektiv. Aber es ist mehr als nur falsch, einzelne Szenen mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gleichzusetzen!

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