The Green Knight Kritik: Der lange Weg zur Heldendekonstruktion

The Green Knight ist der neuste Streich des Genreregisseurs David Lowerey, mit dem er die Artus-Sage auf seine ganz eigene Weise erzählt.

Um was geht’s?

The Green Knight spielt im Mittelalter der Artus-Sage. Wir befinden uns am Hof von König Artus (Sean Harris), der zu den Feierlichkeiten anlässlich des Weihnachtsfests lädt. Auch ein junger Mann namens Sir Gawain (Dev Patel), der Neffe des Königs, macht sich auf den Weg nach Schloss Camelot. Doch die Feierlichkeiten werden jäh unterbrochen, als eine bedrohliche Gestalt, der Grüne Ritter, in den Saal eintritt. Er erweist dem König zunächst sehr höflich seine Ehrerbietung und schlägt dann ein schauriges Spiel vor:

Der Ritter, der den Mut aufbringe, gegen ihn im Duell anzutreten, sollte hervortreten. Einzige Bedingung: Jeden Schlag, den der Mutige dem Grünen Ritter zuträgt, darf dieser genau ein Jahr später erwidern. Sir Gawain erklärt sich bereit, der mysteriösen Gestalt entgegenzutreten und schlägt ihr den Kopf ab. Ein schwerer Fehler, wie sich ein Jahr später herausstellt…

Ein langer Ritt

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The Green Knight wird mit seiner langsamen und speziellen Erzählweise nicht jedem gefallen. (Quelle: A24)

The Green Knight ist 125 Minuten lang. Das klingt erstmal wie die Länge eines ganz normalen Hollywood-Films. Aber der neue Streifen von David Lowerey fühlt sich an wie ein Epos von drei oder mehr Stunden. Denn der Film wird sehr langsam erzählt, nimmt sich viel Zeit für einzelne Szenen und Kameraeinstellungen. Und das macht ihn für den einen zu einem interessant vermittelten Mittelalter-Fantasy-Epos und für den anderen zur langweiligen, weil viel zu langsam erzählten Rittergeschichte.

Ich durfte mich glücklicherweise zur ersteren Gruppe zählen, denn mir hat diese Erzählweise sehr gut gefallen. Zwar wird die Erzählung durch die oft minutenlangen Einstellungen und Kamerafahrten nicht gerade schnell erzählt und häufig passiert in diesen Szenen auch nicht wirklich viel, aber sie tragen zu einer unheimlich dichten Atmosphäre bei. Wir erleben die Geschichte aus der Sicht eines Ritters der Tafelrunde. Damals hat es eben noch eine halbe Ewigkeit gebraucht, um vom einem zum anderen Ort zu gelangen. Und das reflektiert die Entscheidung der sehr langsamen Erzählweise sehr gut.

So gibt es beispielsweise eine Szene, in der wir Sir Gawain mehrere Minuten lang vom oberen Bildrand an den unteren reiten sehen. Die Geschichte ist in solchen Szenen nebensächlich. Es geht darum, was im Bild passiert. Da kreuzt ein Schäfer mit seinen Schafen den Weg des jungen Ritters, dort rennen spielende Kinder den Wegesrand entlang. Uns wird eine realistische Abbildung der Lebenswelt des Protagonisten aufgezeigt, in die uns solche langen Einstellungen förmlich hineinziehen und nicht mehr rauslassen.

Wie ein Gemälde

the green knight bilder
Die Bilder, die dieser Film erschafft, sind meisterhaft! (Quelle: A24)

Nun habe ich ausführlich dargelegt, warum diese langsame Erzählweise ihre Vorteile hat, um die Immersion der Zuschauenden zu steigern. Doch um auch nachhaltig Gefühle und Reaktionen bei den Zuschauenden zu provozieren, reicht es nicht, die Kamera minutenlang auf einen Stein zu richten. Nein, vielmehr muss dem Auge etwas geboten werden. Und das ist bei The Green Knight oft ein regelrechter Augenschmaus. Die Bilder, die Andrew Droz Palermo, der auch schon bei A Ghost Story mit David Lowerey zusammengearbeitet hat, erschafft, könnten jedes einzelne auch ein wunderschönes Gemälde sein!

Hier treffen die realistische Darstellung einer mittelalterlichen Welt auf die kontrastreichen Farben einer Fantasy-Welt. Hier treffen schmutzige Bilder auf unglaublich reine Bilder. Hier treffen perfekte Bildkompositionen auf exzentrische Kameraführung. Was will ich damit sagen? Eigentlich ganz einfach: Jedes einzelne Bild, jede Kameraeinstellung und jede Szene wirken in ihrer Komposition wohl durchdacht und wunderschön. Was hier erschaffen wurde ist Filmkunst in Reinform. Wo andernorts echte Sets und Landschaften für CGI-Bombast geopfert werden, erschafft The Green Knight eine Gegenposition zu diesen Trends.

Selbst Zuschauende, die mit dem Inhalt des Film nicht warm werden, können sich an den wunderschönen Fotografien und Kamerafahrten sattsehen. Etwa, wenn uns ein vermeintlich harmloses Kasperletheater, dass den Kindern auf Burg Camelot vorgeführt wird, in Sicherheit wiegt, bevor die eine Figur der anderen den Kopf abschlägt und rotes Filzblut aus der Puppe quillt. Solche Szenen bereichern nicht nur die Geschichte und ziehen uns in die Welt der Artus-Legende, sie sind auch noch höchst effektiv in ihrer inszenatorischen Wucht.

Da geraten solche Höhepunkte wie die animierten Riesen, denen Gawain im Laufe seines Abenteuers begegnet, fast schon in den Hintergrund, wenn man sich vor Augen führt, mit welch einfachen, aber effektiven Mitteln Geschichten häufig erzählt werden können. Und die Kamera wird bei diesen Inszenierungen meisterhaft eingesetzt!

Die Substanz des Ganzen

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Ob The Green Knight eine tiefere Bedeutung hat, muss jeder Zuschauende selbst herausfinden. (Quelle: A24)

Nun sind berauschende Bilder und eine atmosphärische Erzählung die eine Sache. Doch David Lowerey versteht sich bei The Green Knight auch darauf, eine mysteriöse, nach zahlreichen Interpretationen schreiende Geschichte zu erzählen. Die mag dem ein oder anderen Kinogänger möglicherweise vor den Kopf stoßen. Denn so schön und einfühlsam die Geschichte auch inszeniert ist, so ist sie doch in manchen Momenten einfach nicht vorhanden, sondern weicht einer reinen Inszenierung.

Auch wenn ein langsamer Ritt vom oberen Bildrand zum unteren noch so schön sein mag, so ist er doch auch dazu in der Lage, die Geduld des Publikums zu strapazieren. Denn in solchen Momenten passiert eben häufig nichts, was die Geschichte vorantreiben würde. Auch die Entscheidung Lowereys dazu, dem Zuschauer keinen definitiven Punkt anzubieten, an dem man sich vollends abgeholt fühlt, mag den ein oder anderen verwirren. Der Regisseur weigert sich im Prinzip, die gängigen Sehgewohnheiten der Zuschauenden zu bedienen und fordert stattdessen einen sehr individuellen Zugang zur Geschichte für jeden/jede Einzelne/n.

Wer diese Forderung ergreift und die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, begreift, der wird viel Spaß mit The Green Knight haben. Denn der Film bietet so viel und so individuellen Interpretationsspielraum, dass ich nach dem Kinogang erstmal über eine Woche gebraucht habe, um überhaupt diese Kritik hier zu schreiben.

Was beispielsweise hat es mit dem mysteriösen Anwesen auf sich, in das Gawain im Verlauf seiner Reise gelangt. Dort erwarten ihn ein Adeliger, gespielt von Joel Edgerton (The King, It Comes at Night) und dessen Gattin, gespielt von Alicia Vikander (Tomb Raider, Ex Machina). Die Gattin wird man als Zuschauender schnell wiedererkennen, denn sie tritt in einer Doppelrolle sowohl im Anwesen als auch zuvor schon als Geliebte von Gawain am Anfang auf. Will der Regisseur damit andeuten, Gawain bilde sich Teile seiner Reise nur ein? Oder projiziert er einfach nur eine geliebte Person in die Frau hinein, mit der er wenig ehrenvoll später ein Kind zeugt?

Warum begegnet Gawain an einem See dem Geist einer Frau, der ihn dazu verleitet, in den See zu springen und den Kopf der toten Frau zu holen? All das lässt viel Raum für Interpretationen. Und dennoch hat mich die vage, in vielen Momenten wenig konkrete Erzählweise doch an manchen Stellen gestört. Nehmen wir nochmal das Beispiel der Geisterfrau von gerade auf: Er begegnet ihr, hat einige wenige Dialogzeilen mit ihr zusammen und fasst sich dann den Mut, ihrer Forderung, in den See zu springen und ihren Kopf zu finden, nachzukommen. Und das wars. Der Held entwickelt sich nicht weiter, obwohl man als Zuschauender erwartet, dass der Held hier eine wichtige Lektion lernt.

Oder zumindest, dass hier irgendetwas relevantes für die Geschichte passiert. Das tut es aber nicht. Von solchen Momenten gibt es einige im Film, die natürlich für jeden anders interpretierbar sind, für mich aber häufig einfach zu oberflächlich erzählt werden.

Dekonstruktion des Helden

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Im Film wird die Figur des klassischen Helden einer Fantasy-Saga dekonstruiert. (Quelle: IGN)

Letztendlich ist The Green Knight auch eine Geschichte über die Dekonstruktion der Heldenfigur. Gawain wird im Verlauf seiner Reise nicht etwa, wie man es erwarten könnte, immer stärker. Er wird auch nicht selbstreflektierter oder weiser. Nein, im Prinzip ist das Gegenteil der Fall. Der vermeintliche Held wird auf seiner beschwerlichen Reise, an deren Ende unausweichlich sein Tod steht, immer schwächer. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Er gibt sich körperlichen Lüsten hin, verhält sich unehrenhaft und wirkt am Ende wie ein Schatten seiner selbst.

The Green Knight ist somit auch eine Erzählung über Ehre, Mut, Haltung, Männlichkeit und so viel mehr. All diese Elemente eines menschlichen Charakters werden im Verlauf des Films auf die ein oder andere Weise dekonstruiert. Das beginnt schon mit der Vorausdeutung des Todes am Anfang des Films, als Gawain sein Schicksal durch die Köpfung des Grünen Ritters selbst besiegelt. Und es endet nicht mit dem unehrenhaften Betrug an seiner Geliebten, aus welchem sein durch ihn selbst eines eigenen Lebens beraubter Sohn entspringt.

Fazit

The Green Knight ist kein Film für jedermann! Egal mit welcher Erwartungshaltung man an den neuen Streifen von David Lowerey herangeht, man wird seine Erwartungen anpassen müssen. Der Film ist kein einfacher Fantasy-Film mit Abenteuerelementen. Er ist auch kein hochkomplexes Drama über die Bürden eines Ritters. Und er ist ebenso wenig eine klassische Märchengeschichte. Er ist, zumindest für mich, irgendwas dazwischen.

Niemand wird The Green Knight abschließend voll und ganz bewerten können, da er zu viel Raum für Interpretation lässt und somit für jeden Zuschauenden individuell eine besondere Erfahrung ist. Dennoch kann zumindest gesagt werden, dass die Bilder und Kamerafahrten, die David Lowerey hier abliefert, absolut beeindruckend sind. Auch die Soundkulisse des Films ist hervorragend. Über die Länge des Films und die häufig sehr langsame Erzählweise lässt sich gewiss streiten.

Dennoch empfehle ich The Green Knight jedem, der mal eine etwas andere Rittergeschichte im Kino erleben will. Lasst euch auf dieses atmosphärische Meisterwerk ein und genießt die Bilder, die es zu bieten hat.

Wer bei The Green Knight mit einer epochalen, epischen Fantasy-Geschichte rund um König Artus und seine Ritter der Tafelrunde rechnet, wird enttäuscht. Vielmehr ist der Film eine deprimierende Abhandlung über das Leben selbst.

Bewertung

4 out of 5 stars

Wer auf die Artus-Sage absolut keine Lust hat, aber trotzdem gerne mal wieder ins Kino gehen würde, dem empfehle ich den vor Kurzem erschienenen A Quiet Place 2. Meine Kritik dazu gibt’s hier. Und wer eher einen launigen Abend auf der Couch verbringen will, der kann sich ja im Rahmen von Amazon Prime The Tomorrow War anschauen. Auch dazu gibt es hier eine Kritik.

3 Gedanken zu „The Green Knight Kritik: Der lange Weg zur Heldendekonstruktion

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