The Last of Us 2: Ambivalenzen zweier Charaktere

Vor gut einem Jahr hat The Last of Us 2 für ordentlich Furore gesorgt: Nachdem wir im ersten Teil noch Joel als Hauptfigur gespielt haben, übernehmen wir im zweiten Teil die Rolle von Ellie und – jetzt kommt das Besondere – auch ihrer Gegenspielerin Abby. Ich habe mir die Frage gestellt: Funktioniert diese Erzählweise und wurde auf dem Weg Potenzial verschenkt?
Achtung: Hier kommt es zu massiven Spoilern zu The Last of Us und The Last of Us 2!

Einführung

Das Videospiel The Last of Us: Part 2 hat zum Release für ordentlich Wirbel gesorgt: In der ersten Hälfte des Spiels aus dem Hause Naughty Dog übernehmen wir als Spieler die Kontrolle über Ellie, die man schon aus dem ersten Teil als Sidekick und emotionaler Anker des damaligen Protagonisten, Joel, kennt. Im zweiten Teil ist Ellie nun die Heldin, die gleich zu Beginn die Ermordung von Joel miterlebt und sich daraufhin auf einen blutigen Rachefeldzug begibt. 

Doch in der zweiten Hälfte des Spiels findet ein Perspektivwechsel statt: Nun spielt man als die vermeintliche Antagonistin von Ellie. Abbys Abschnitt ist dabei genauso lang wie der von Ellie.

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Absehbarer Perspektivwechsel: In der zweiten Hälfte von The Last of Us 2 übernehmen wir die Rolle von Abby.

Dieser Perspektivwechsel ist ungewöhnlich: Meistens erleben wir eine Geschichte aus der Perspektive eines definierten Helden, der als Identifikationsfigur dient und uns in eine Geschichte zieht. Dabei gibt es meist eine klare Grenze zwischen Gut und Böse. In The Last of Us 2 wird damit gebrochen. Das Spiel erzählt ein und dieselbe Geschichte aus zwei Perspektiven.

Anhand von drei Schlüsselszenen will ich diese Erzählweise kritisch einordnen. Denn es stellen sich einige Fragen: Was will das Spiel dem Spieler vermitteln? Wie will es das vermitteln? Und noch viel wichtiger: Schafft das Spiel diese Vermittlung? Finden wir es heraus!

Schlüsselszene 1: Das Krankenhaus

Zu Beginn des Spiels steuert der Spieler Ellie. Als sie zusammen mit ihrer Freundin in Seattle angekommen und die ersten Kämpfe überlebt hat, wird Diana verletzt und Ellie will Medikamente im nahegelegenen Krankenhaus besorgen.

Doch dieses ist voller WLF-Mitglieder, also Mitglieder der vermeintlichen Gegner, die es als Außenposten verwenden. Um sich ihnen zu entledigen, tötet sie jedes einzelne Mitglied der Organisation, der, wie der Spieler später erfährt, auch Abby angehört. Am Ende des Spielabschnitts foltert Ellie Nora, um den Aufenthaltsort von Abby zu erfahren.

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Schon nach kurzer Spielzeit meucheln wir uns mit Ellie durch ein Krankenhaus voller WLF-Mitglieder, denen auch Nora (links) und die spätere Protagonistin Abby angehören.

Am gleichen Ort bewegen wir uns auch in der zweiten Hälfte des Spiels. Zusammen mit Abby erleben wir das Krankenhaus als Ort der Sicherheit und Zusammenkunft. Wir sprechen mit einigen Mitgliedern und interagieren mit ihnen.

Nicht nur wissen wir als Abby, wie wichtig der Job ihrer befreundeten Verbündeten dort ist. Wir lernen auch Nora kennen, die kurz darauf von Ellie ermordet wird. Schon hier wird deutlich: The Last of Us 2 will dem Spieler aufzeigen, wie sich der Blick auf eine Situation ändern kann, wenn man sie aus der entgegengesetzten Perspektive erlebt.

Schlüsselszene 2: Joels Tod

Ähnliches zeigt sich in einem Schlüsselmoment am Anfang, der durch den Kontext, den wir im späteren Spielverlauf hinzugewinnen, ganz anders wirkt: Abby tötet Joel, den emotionalen Ankerpunkt des ersten Spiels, auf brutalste Art und Weise.

Doch als wir später in einem Rückblick die junge Abby übernehmen, erfahren wir, wieso sie das alles getan hat: Joel hat ihren Vater und viele Mitglieder ihrer vorherigen Gruppe getötet. Und ihr Vater war nicht irgendjemand, sondern der Doktor, der Ellie im ersten Teil opfern will, um ein Heilmittel gegen die Pilzsporen zu entwickeln.

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Wie sich später herausstellt, hat Abby nachvollziehbare Motive für den Mord an Joel: Er hat ihren Vater in dieser Szene aus dem ersten Teil getötet.

Und hier lauert eine Gefahr, die entsteht, wenn man einen vermeintlichen Antagonisten nicht nur zum zweiten Protagonisten, sondern sogar zum Helden seiner eigenen Geschichte macht:  Das Spiel möchte uns die Message vermitteln, dass es auf beiden Seiten Heldenfiguren gibt, die aber nie einen reinen moralischen Kompass haben. Bei vielen Spielern kommt diese Message aber nicht an. Vielmehr wird oft der Eindruck provoziert, man müsste sich moralisch für eine der beiden Seiten entscheiden.

Schlüsselszene 3: Das Theater

Dies gipfelt dann im emotionalen Höhepunkt der Geschichte: Im Theater treffen Abby und Ellie aufeinander. Die Spieler wissen sowohl um die Hintergrundgeschichte und Motivation von Ellie, als auch von Abby. Das besondere Jetzt: Wir kämpfen als Abby gegen Ellie. Oder besser gesagt: Wir versuchen, uns von Ellie nicht töten zu lassen. Denn diese ist gnadenlos darauf aus, Rache an der Mörderin ihrer Vaterfigur zu nehmen. Der Endgegner des Spielers ist eigentlich der Held der ersten Hälfte der Geschichte.

Aber hier hat der Spieler letztendlich keine Wahl: Weder Ellie noch Abby können sich gegenseitig in diesem Spielabschnitt töten.

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Beim Kampf im Theater will der Spieler eigentlich gar nichts tun, muss aber gegen Ellie kämpfen.

Nicht nur in dieser Szene, sondern im gesamten Spielverlauf werden wir also mehrere Male vor unmögliche Entscheidungen gestellt: Im Theater wollen wir uns nicht entscheiden, wen wir unsere Sympathie schenken. Weil wir es nicht können! Beide Figuren werden von der Geschichte nachvollziehbar aufgebaut und stellen sich eben schließlich als Menschen mit vielen Schwächen heraus. Der Spieler erlebt nicht einen Helden, sondern zwei Antihelden.

Fazit

Was sagen die drei oben genannten Schlüsselszenen also über The Last of Us 2 aus? Zum einen, dass Heldenfiguren für den Spieler oft das sind, was er in sie hineinprojiziert. Im ersten Teil ist Ellie ein unschuldiges Mädchen, dass nur zufällig in eine viel größere Handlung geworfen wird. In der ersten Hälfte des zweiten Teils folgen wir Ellie auf ihrem Rachefeldzug.

Auch da gibt es schon erste moralisch fragwürdige Entscheidungen, die Ellie trifft. Aber der „Abstieg der Heldenfigur“ zur Antagonistin der Gegenseite beginnt erst mit der Übernahme von Abby als spielbaren Charakter.

Zum anderen verdeutlicht das Nauthy-Dog-Spiel aber auch, wie wenig es ein Videospiel sein möchte. Die gleiche Handlung hätte möglicherweise in einem Film besser funktioniert, weil wir die verschiedenen Perspektiven der Protagonisten zwar ebenfalls einnehmen können, wir ihre Handlungen aber nicht gezwungenermaßen ausführen müssen.

Und letztendlich ist eine der letzten Szenen des Spiels symptomatisch dafür: Ellie verschont Abby. Aus Sicht des Spielers nachvollziehbar, da wir ja auch Abby kennengelernt haben. Aus der Perspektive von Ellie allerdings ist ihre Entscheidung sogar unlogisch: Sie kennt Abby kaum und kann deswegen eigentlich nur ein ziemlich beschränktes Verständnis für ihre Gegenspielerin haben. Und trotzdem verschont sie sie.

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Am Ende bleiben viele Spieler vielleicht unbefriedigt zurück: Im Endkampf verschonen sich beide Gegenspielerinnen.

Man sieht also: Ein Perspektivwechsel der Heldenfiguren führt in Videospielen nicht immer zum gewünschten Effekt. Oft ist sogar eher das Gegenteil der Fall. Wenn einem das Videospiel dann auch noch unmögliche Entscheidungen aufzwingt, muss man sich die Frage stellen, ob Ellies und Abbys Abenteuer nicht als Film besser funktioniert hätte.

Mittlerweile ist ja eine HBO-Serie zum Spiel geplant. Mal schauen, ob die die oben genannten Probleme besser lösen kann. Und ich will hier nochmal betonen: Der zweite Teil des storybasierten Actionspiels hat mir sehr viel Spaß gemacht. Einzig mit der Geschichte und den Charakteren habe ich so meine Probleme. Und die sind ja ziemlich zentral im Spiel.

Was haltet ihr von The Last of Us 2? Könnt ihr meine Punkte nachvollziehen oder seid ihr ganz anderer Meinung? Schreibt das gerne in die Kommentare! Und für meine letzte Kritik zum Film Palm Springs könnt ihr hier klicken.

(Hinweis: Dieser Text ist im Rahmen eines Projektseminars entstanden. Für mehr Infos könnt ihr mir gerne unter post@filmfreitag.de schreiben!)

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