Kapitalismuskritik Light: Filmkritik zu Triangle of Sadness (2022)

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Triangle of Sadness hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen, wird von Kritikern in den Himmel gelobt und ist hochkarätig besetzt. Trotzdem verlassen viele Menschen bei diesem Film entsetzt den Kinosaal. Warum das so ist, will ich in meiner Kritik zum neuen Streifen von Ruben Östlund (The Square, Force Majeure) herausfinden.

Um was geht’s?

Puh, schwer zu sagen. Eigentlich beginnt der Film mit einem Fernsehbericht über männliche Models, der uns einen der Hauptdarsteller (Harris Dickinson) vorstellt. Und der hat scheinbar einige Probleme in seiner aktuellen Beziehung mit seiner Freundin (Charlbi Dean), in der es sogar um solche „unsexy“ Themen wie Geld geht.

Geld. Ja genau, darum geht’s in Triangle of Sadness doch eigentlich, wenn man sich das „Bigger Picture“ anschaut! Oder warte, nein doch nicht. Es geht um das System hinter dem Geld, um den Kapitalismus. Das präsentiert uns Ruben Östlund dann auch ganz passend mit einem kommunistischen Schiffskapitän, wunderbar gespielt von Woody Harrelson, der mit einem russischen Oligarchen (Zlatko Burić) ins Gespräch kommt. 

Und neben all diesen Figuren bringt der Film in seiner Lauflänge auch noch so einige andere Superreiche zusammen, die alle den Urlaub auf einem Luxus-Kreuzfahrtschiff genießen. Ruben Östlund präsentiert uns mit Triangle of Sadness einen toll inszenierten und messerscharf gesellschaftskritischen Streifen, der seine Themen aber nie ganz zu Ende denkt und durchaus seine Längen aufweist.


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Filmkritik zu Triangle of Sadness

Triangle of Sadness Film Kritik
Triangle of Sadness handelt sich an fast jedem gesellschaftspolitischen Missstand der letzten Jahrzehnte ab.

Wenn es ums Geld geht, dann haben die Männer immer noch das sagen, oder? Zumindest laut Statistiken schon. Männer verdienen im Schnitt mehr als Frauen, werden eher befördert, arbeiten länger. Aber es gibt einige wenige Branchen, in denen Frauen mehr verdienen als Männer. In der Modebranche zum Beispiel, in der das erste Drittel dieses Films angesiedelt ist.

Carl (Harris Dickinson) und Yaya (Charlbi Dean) sind ein Paar und arbeiten im Model-Business. Yaya ist nebenher auch noch eine erfolgreiche Influencerin. Dieser Zustand lässt es in der Beziehung der beiden zueinander immer wieder zu herben Geld- und daraus entstehend auch Machtgefällen kommen. In einem minutenlangen Dialog inszeniert Östlund dieses Gefälle auf interessante und gleichzeitig so nachvollziehbare Art und Weise:

Wer bezahlt im Luxus-Restaurant die Rechnung? In einem Restaurant, in dem Frauen sogar heutzutage noch eine gesonderte Speisekarte ohne Preise gegeben wird. Eigentlich eine klare Sache: Carl muss blechen. Der hat darauf allerdings keinen Bock, sieht sich gar als Verfechter des Feminismus, wenn seine Freundin auch mal die Rechnung bezahlt.

Wobei, es scheint tatsächlich so zu sein, dass Carl und Yaya eine äußerst progressive Beziehung führen. Es gibt Abmachungen, wer wann was bezahlt. Nur wenn diese Abmachungen nicht eingehalten werden, eskaliert die Lage schnell. Im ersten von drei Kapiteln liefert Triangle of Sadness tatsächlich ein substanzielles Charakterporträt von zwei Menschen, für die Oberflächlichkeit alles ist.

Er ist nur oberflächlich ein Feminist, sie führt die gesamte Beziehung nur für Instagram. Er wirkt unzufrieden im Geld- und Machtgefällte zu seiner Freundin, sie kostet die getauschte gesellschaftliche Rolle voll aus. Eine kaputte Beziehung, die durch Oberflächlichkeiten am Leben gehalten wird. Genau davon erzählt der Streifen in einem toll inszenierten ersten Drittel mit durchstoßenden Dialogen und einer Abarbeitung an allen möglichen gesellschaftlichen Phänomenen. Übrigens genauso wie der Film Booksmart, zu dem ihr meine Kritik hier findet.

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Von aufmerksamkeitsgeilen Influencern und russischen Oligarchen

Das ändert sich im zweiten Drittel schlagartig. Wir werden auf eine Luxus-Yacht verfrachtet, umgeben von Superreichen. Und eine der ersten Szenen auf dieser Yacht macht uns schon deutlich: Subtil wird es hier nicht zugehen. Auf dem Zwischendeck hält die Chefin der Servicekräfte eine motivierende Rede, um ihre Mitarbeiter auf die bevorstehenden Herausforderungen mit den Reichen und Schönen einzustellen.

Und dann wird in bester Jordan-Belfort-Manier geschrien und geklatscht, dass der Boden bebt. Und den bebenden Boden bekommen all die Arbeiterinnen und Arbeiter zu spüren, die noch eine Etage unter den Servicekräften stehen. Mit einem wenig subtilen Kameraschwenk wird uns klar gemacht, was wir seit dem Untergang der Titanic nicht mehr vergessen haben: Die Decks eines Schiffes eigenen sich perfekt, um den Klassengegensatz nicht nur metaphorisch, sondern ganz real darzustellen.


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Und so geht es dann weiter. Wie kleine Kurzfilme, die immer absurder werden, erzählt Ruben Östlund vom Klassenkampf von oben, den die Superreichen auf seinem Luxus-Cruiser betreiben, ohne es zu merken. Da will eine reiche Oma besonders nett zu einer Kellnerin sein, indem sie es ihr erlaubt, auch mal in den Pool zu springen. Ohne zu merken, wie absurd das ganze ist.

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Darum verlassen Leute bei diesem Film den Kinosaal

Triangle of Sadness Woddy Harrelson
Woddy Herralson spielt im Film einen kommunistischen Schiffskapitän.

Irgendwann kommt es in Triangle of Sadness dann zu den berüchtigten Szenen, wegen denen viele Zuschauer wütend und entsetzt den Kinosaal verlassen haben. Beim Kapitänsdinner wird gekotzt was das Zeug hält. Und Östlund gönnt sich auch noch viel zu viele Priesen Fäkalhumor.

All das, der ganze zweite Teil auf dem Luxus-Kreuzer hält dabei wahrlich kaum substanzielles bereit. Klar, der Streifen weiß die Zuschauer durch abstruse und messerscharfe Gesellschaftskritik immer wieder zum Lachen zu bringen. Und gerade die Aufbereitung in kleinere Szenen, die sich manchmal wie Kurzfilme anfühlen, funktioniert super. Aber er macht es sich dabei auch recht einfach.

Die Reichen und Schönen als oberflächlich zu entlarven und sich dabei über aufmerksamkeitsgeile Instagrammer lustig zu machen, ist nun wirklich keine besonders schwere Aufgabe – selbst wenn man das Kapitänsdinner auf der Yacht zu einer alle Grenzen des guten Geschmacks sprengenden Kotzorgie ausarten lässt.

Da werden dann gefühlte tausend Themen angeschnitten aber nie zu Ende gedacht. Und wenn sich auf der untergehenden Yacht der Kapitän und der russische Oligarch gegenseitig Witzchen hin- und herschachern, dann mag das für den ein oder anderen Lacher noch reichen, fasst mein Problem mit der zweiten Hälfte von Triangle of Sadness aber ganz gut zusammen: Mehr als an der Oberfläche kratzen Witzchen ala „Der Kommunist hat Marx und Lenin gelesen, der Anti-Kommunist hat Marx und Lenin verstanden“ nicht.

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Rollentausch ohne Glücksrausch

Wenn es dann in den dritten Teil übergeht, ändert sich das rasant! Ich will hier nicht zu viel verraten, weil dieses letzte Kapitel für mich und viele andere wahrscheinlich auch, sehr überraschend kommt. Man sieht auf den Postern nichts davon, im Trailer gibt es nur Szenen aus den ersten zwei Dritteln. Aber das eigentliche Highlight ist dieses dritte Kapitel!

Denn hier traut sich Östlund dann endlich mal, den Klassenkampf nicht nur mit ollen Witzchen und Kotzorgien zu führen, sondern mit einem Rollentausch. Die Bediensteten spielen plötzlich die Rolle der Bestimmenden. Nur eben ganz und gar nicht so wie es die Superreichen normalerweise tun.


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Hier gelingt es dem Film in vielen Momenten, ein ganzes System zu dekonstruieren. Und spätestens am Ende, wenn die Rückkehr ins alte System ansteht, bekommt der Vorschlag der Influencerin an die Reinigungskraft, die sich auf der einsamen Insel langsam zu einer Art Matriarchin hochgearbeitet hat, ein besondere Absurdität: Vielleicht lässt es sich für Yaya einrichten, die Servicekraft von der Luxus-Yacht in ein „besseres“ Leben zu holen.

Sie könne ja für sie arbeiten. Durch die Rückkehr ins alte System, durch die Rückkehr in den Kapitalismus, werden die Rollen wieder getauscht. Und spätestens jetzt sollte jedem klar sein: Den Mythos der Leistungsgesellschaft haben sich die ausgedacht, die eh schon genug haben.

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Fazit & Bewertung

In seinen besten Momenten liefert Triangle of Sadness eine Gesellschafts- und Systemkritik vom Feinsten. In seinen schlechtesten Momenten ist der neue Film von Ruben Östlund eine oberflächliche Kotzorgie. Und zwischendrin funken immer mal wieder ein paar nette Ideen hervor, die aber nie ganz zu Ende gedacht werden.

Erst im letzten Drittel spielt der Film das aus, was er über die vorherigen gut 100 Minuten aufgebaut hat. Und das gelingt ihm richtig gut, obwohl sich trotzdem noch einige Längen einschleichen. Hier und da hätten dem Film einige Minuten weniger vielleicht mehr gegeben.

Und trotzdem ist Triangle of Sadness eine glasklare Empfehlung, auch wegen der fantastischen Schauspieler. Nur einen starken Magen solltet ihr für den Kinobesuch definitiv mitbringen!


In seinen besten Momenten eine Gesellschafts- und Systemkritik vom Feinsten. In seinen schlechtesten Momenten eine oberflächliche Kotzorgie. Und zwischendrin immer wieder mit netten Ideen, die aber nie zu Ende gedacht werden.

Bewertung:

3,5


Triangle of Sadness startet am 13. Oktober 2022 in den deutschen Kinos.

© Copyright aller Bilder bei NEON.


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Lukas Egner

Ich bin der Gründer von filmfreitag und schaue leidenschaftlich gerne Filme und Serien aus jedem Genre. Ich bin 21 Jahre alt, studiere momentan Politik- und Medienwissenschaften und schreibe als freier Autor für verschiedene Film- und Videospielmagazine.

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4 Kommentare
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Jannis
Jannis
11. November 2022 14:27

Tolle Kritik!
Darf man fragen, wie du die Auch interessant: Feeds gemacht hast?

Jannis
Jannis
Reply to  Lukas Egner
12. November 2022 0:17

Ja, genau!

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