X Filmkritik: Schaut sich viel ab, macht aber trotzdem Spaß!


Ein Pornofilmdreh in den tiefsten Südstaaten der USA, und das auch noch im Jahr 1979? Was kann da schon schief gehen? Regisseur Ti West zeigt, dass man sich an vielen bekannten Horrorfilm-Werken bedienen und dennoch etwas Originelles erschaffen kann.

Um was geht’s?

Im Jahr 1979 wollen sechs junge Leute in den tiefen Südstaaten der USA, genauer gesagt in Texas, einen Pornofilm drehen. Und dafür mieten sie sich einen Schuppen neben einem alten Bauernhaus, dass von zwei sehr zwielichtigen alten Gestalten bewohnt wird. Ein perfektes Setting für einen Slasherfilm.

Kritik zu X

x filmkritik

Was kommt dabei raus, wenn man Texas Chainsaw Massacre, Freitag der 13. und Evil Dead miteinander vermischt und noch eine Idee rund um einen Pornofilmdreh im Texas der 70er Jahre mit einbringt? Genau, dieser Film. X. Ein Film, dessen Name irgendwie so wenig und doch so viel sagt. X. Verboten und schmuddelig. Oder doch befreiend und originell?

Eigentlich ist die Handlung von X recht schnell erklärt: Sechs mehr oder weniger junge Menschen wollen einen revolutionären Pornofilm drehen. Der überambitionierte Regisseur des Schmuddelfilms RJ (Owen Campell) will das Filmemachen, die Kameraarbeit, gar die Geschichte des Filmchens in den Vordergrund stellen. Seine Darsteller, Maxine (Mia Goth), Bobby-Lynne (Brittany Snow) und Jackson (Kid Cudi) haben eher sich und ihre Körper im Kopf. Und nebenan wundert sich die für den Ton zuständige Praktikantin Lorraine (Jenna Ortega) über das ganze Chaos.

Was ich an diesem Film so zu lieben gelernt habe ist seine erste Hälfte: Schon der allererste Shot erinnert an das typische Setting in einem Pornofilm und sieht kameratechnisch auch fast genauso aus. Und in der ersten Hälfte erinnert dieser Film tatsächlich stark an große Vorbilder wie Texas Chainsaw Massacre (1974), der ja in Deutschland vor allem durch seine jahrzehntelange Indizierung Bekanntheit erlangte.


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An einigen Stellen hat mich X sogar an so manchen Tarantino-Film erinnert. Wenn unsere Protagonisten im Auto die staubige Straße entlangfahren und dazu ein klasse Soundtrack mitspielt erzeugt das eine unglaublich stimmungsvolle und irgendwie auch befreiende Atmosphäre. Und im späteren Verlauf wird es ja ebenfalls ähnlich brutal wie in den Werken des Kultregisseurs.

Die erste Hälfte von X war für mich vor allem geprägt von unterhaltsamen Gruppendynamiken, netten Dialogen und faszinierenden Charakteren. Selbst der klischeebeladene Altcowboy Wayne (Martin Henderson) hat mich überzeugt. Zusätzlich spielt da natürlich das Südstaaten-Flair eine Rolle. Eine alte Ranch, zwei zwielichtige Gestalten und ein Badesee, in dem es Krokodile (oder sind es Alligatoren?) gibt. Was will das Horror-Fanherz mehr?

Zusätzlich dazu zeigt X auch ziemlich viel nackte Haut. Das Wort Porno ist in so manchen Szenen durchaus ernst zu nehmen. Aber gleichzeitig dekonstruiert er die Pornofilmindustrie auch ein bisschen: Wenn etwa Bobby gerade noch für die Kamera gestöhnt hat, zeigt sie danach das wahre Bild ihrer Befriedigung: Nochmal stöhnt sie so richtig auf und lässt ihren Darstellerkollegen Jackson verwirrt zurück. Bilden Pornofilme etwa gar nicht die Realität ab? Sollte man gerade bei Schmuddelfilmchen die schauspielerischen Leistungen der Darstellerinnen, die ihren Orgasmus nur vortäuschen, vielleicht auch mal lobend erwähnen?

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Nun, wie gesagt, die erste Hälfte des Films ist nahezu perfekt für das, was er sein will. Die Charaktere und ihre Beziehungen werden durch tolle Dialoge und Einzelaufnahmen vorgestellt. Die Gruppendynamik unter ihnen funktioniert, dass Setting ist stimmungsvoll. Auch die schauspielerischen Leistungen lassen kaum Wünsche übrig. Selbst die musikalische Untermalung passt perfekt.

Und dann beginnt die zweite Hälfte von X. Klassischerweise beginnt zu diesem Zeitpunkt in Slasherfilmen das namensgebende Abschlachten der Protagonisten. Und so ist es auch hier. Und auch das macht ziemlich viel Spaß. Das Blut spritzt aus allen Ecken, Geschrei übertönt die Messerstiche und die nächtliche Stimmung tut dem Film auch gut. Das große Problem ist nur, und das haben auch viele andere Filme dieser Art:

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Die Protagonisten handeln zum einen so, als hätte man ihnen das Gehirn entfernt und sind zweitens auch fast nie in gemeinsamen Szenen zu sehen. Die bis dahin aufgebaute Gruppendynamik unter den Charakteren geht leider fast vollständig verloren, wenn die Hälfte von ihnen das anfängliche Gemetzel erstmal verschläft.

Da hilft es dann auch nicht, dass einige der Slasherszenen ruhig etwas kreativer umgesetzt hätten werden können. Immer mal wieder verliert sich Regisseur Ti West auch ein bisschen in Anspielungen an Klassiker wie Psycho oder The Shining. Gerade den Suspense-Horror von Hitchcock weiß er aber sehr spannend einzufangen. Ich sag nur Tümpel hinter dem Haus. Zum Ende des Films werden wir auch noch etwas näher mit den zwei Eheleuten, die das Bauernhaus bewohnen, bekannt gemacht und lernen, warum sie das tun, was sie tun. Diese Charaktermomente, aber vor allem ihre Inszenierung, fand ich in der zweiten Hälfte des Films dann wiederum sehr faszinierend.


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Auch hier will ich nichts vorwegnehmen, nur so viel: Was in Texas Chainsaw Massacre mit der Hinterwäldlerfamilie nur angedeutet wurde, denkt der Regisseur Ti West in diesem Film weiter und inszeniert damit einen Slasherfilm, der, wenn man möchte, eine zweite Metaebene rund um Sexualität, Ehe, Doppelmoral und Vergangenheitsbewältigung aufmacht. Nicht ohne Grund ist schon eine Fortsetzung, die sich nur um die Frau aus dem Bauernhaus namens Pearl drehen wird, angekündigt. Und trotzdem verlaufen sich manche der angedeuteten Plots dann wieder im Sand und werden nicht konsequent zu Ende gedacht.

Abschließend will ich noch kurz auf die Kameraarbeit eingehen: Die ist, wie man es von solcher Art Filmen gewohnt ist, nichts wirklich besonders. Sie ist angepasst an das Setting und streut immer mal wieder sehr authentische Aufnahmen ein, die direkt mit einer Super-8-Kamera gedreht und aus einem Pornofilm der 70er sein könnten. Auch die musikalische Untermalung ist gerade in der ersten Hälfte sehr stimmungsvoll und erinnert, wie ich oben ja schon geschrieben habe, des Öfteren an die Art der Inszenierung, wie wir sie auch von Quentin Tarantino kennen. 

Fazit & Bewertung

X ist ein Slasherfilm, wie er im Buche steht. Und er bedient sich auch großzügig an so manchem Klassiker des Genres. Und doch schafft er durch sein Setting, seine Charaktere und die an manchen Stellen unglaublich authentische Inszenierung einen ganz eigenen, ja sogar originellen Film. Wer auf Slasherfilme der alten Schule steht, sollte sich X unbedingt ansehen. Denn Spaß hatte ich mit diesem Film definitv.

Trotz einiger kleinerer Schwächen, wie etwa die wenig kreative „Art des Abschlachtens“ oder einige Actionszenen und Metaplots, die in sich verlaufen, ist dieser Horrorfilm aus dem Hause A24 eine Empfehlung wert. Auch wenn A24 es hier nicht schafft, dem Genre einen vollkommen neuen Touch zu verleihen, wie es etwa mit Hereditary oder Midsommar geschehen ist, sollte man immer beachten, dass der Regisseur Ti West sich trotzdem auf das Genre versteht und wir in den nächsten Jahren vielleicht noch die ein oder andere Genreperle von ihm erwarten dürfen.

3.5 out of 5 stars


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X läuft ab 19. Mai 2022 in den deutschen Kinos.

© Copyright aller Bilder bei Universal Pictures.


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